DES "Elisabeth Schulte"

 

Winterliche Sturmfahrt im Nordatlantik

 

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Am Tag 2 unserer extremen Sturmfahrt, die noch weitere vier Tage dauern sollte, nahte die nächste Hiobsbotschaft. Zufällig schaute ich durchs Bulleye (seemännisch für: rundes Fenster, auch Bullauge genannt) über das Hauptdeck und sah den Bootsmann an den Strecktauen zwischen zwei Brechern über die beiden achteren Luken rasen, unser üblicher Weg bei Schlechtwetter über Deck. Das Hauptdeck war ja schließlich ständig überspült und daher nicht zu betreten. Auf Luke 3 stoppte er seinen Spurt, stutzte, guckte entsetzt um sich und verschwand gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten nahenden Brecher in den Brückenaufbau. Ich hörte, wie kurz darauf die Maschinen gestoppt wurden und raste daher runter in den Maschinen-Leitstand.

 

Bild 32 - Das sah mal ganz anders aus!

Was war passiert? Die Nachricht, die uns hier erreichte, ließ uns die Haare zu Berge stehen. Die Lukendeckel auf Luke 3 lagen offensichtlich lose auf. Es konnte jetzt jederzeit passieren, dass sich die Luke einfach öffnete, und beim nächsten Brecher wären wir dann schneller im Keller als man sich das überhaupt vorstellen konnte.

 

Eine genauere Untersuchung des Problems ergab, dass ein Teil der Keile, die die geschlossene Luke gegen gewaltsames Öffnen durch Unwetter oder andere Einflüsse sichern, aus ihren Lagern herausgefallen waren oder sich so gelockert hatten, dass sie keine Sicherung mehr darstellten. Auch an Luke 4 stellten wir teilweise entsprechende Verschleißerscheinungen fest. Jetzt musste ganz schnell gehandelt werden.

 

Zunächst versuchten wir, zumindest einige Keile direkt an der Luke mit unserer provisorischen Elektroschweißanlage zu sichern. Für den Betrieb konnten wir einen der Ladewindenkontroller nutzen, der zu diesem Zweck entsprechend ausgebaut worden war und den Strom zum Schweißen steuerte. Bei diesem Wetter war das jedoch eine lebensgefährliche Angelegenheit, die wir daher ganz schnell wieder aufgaben und ohnehin in keiner Weise den gewünschten Erfolg erzielte.

Nun wurden alle Keile nach und nach in den Maschinenraum gebracht. Dort schweißte die Maschinen-Crew kleine Platten zur Verstärkung auf, so dass der Halt der Lukendeckel wieder gewährleistet werden konnte. Das ging natürlich nicht so schnell wie das Schreiben hier. Wir haben dafür viele und endlose Stunden gebraucht, bis alles wieder im grünen Bereich war.

 

Während dieser Zeit trieben wir Tag und Nacht mit durch Sonnenbrenner taghell beleuchteten Decks in der aufgewühlten See und nur mit gerade so viel Druck auf dem Propeller, dass die "Elisabeth" so gelegt werden konnte, dass sie von so wenig Brechern wie möglich überspült wurde. Unser Kapitän kam in diesen vier Tagen so gut wie gar nicht mehr aus seiner Brückennock raus.

 

Unser mehr oder weniger arbeitsloser Smutje (seemännisch für: Schiffskoch) saß während dieser für das Schiff und der Crew (seemännisch für: Besatzung) sehr kritischen Zeit quasi auf seinen gepackten Koffern, bereit zum plötzlichen Ausstieg, falls das Schiff den Überlebenskampf verlieren sollte. Johnny hatte bereits einen früheren Schiffsuntergang überlebt und durchlief nun das damals glücklich überstandene Grauen in einer Neuauflage. Wer konnte ihm da seine zeitweilige Panik verübeln?

 

Wir konnten uns wenigstens durch den Kampf um unser Schiff einigermaßen ablenken. Trotzdem dachte aber auch jedes andere Crew-Mitglied beim Anblick der enormen Brecher, die unsere überladene „Elisabeth“ ständig unter sich begruben, mit Entsetzen daran, was es bedeuten würde, bei so einem Wetter in die Boote gehen zu müssen. Gab es da überhaupt eine Überlebenschance in dem eiskalten Wasser und den Riesenwellen?

 

Am Besten gar nicht darüber nachdenken und weiterkämpfen!

 

Bild 33

Bild 34

So eine Situation hatte von dieser Besatzung bisher wohl noch keiner erlebt - es war einfach unvorstellbar. Wie konnte das passieren?

 

Die Lösung war wohl in dem überladenen Schiff zu suchen. Während das Vorschiff in der schweren See noch gut arbeitete, lag das Achterschiff relativ starr in dem von unserem niedrigen Standpunkt aus gesehenen himmelhohen Seegang. Das Schiff hat dabei so schwer in seinen Verbänden gearbeitet, dass sich sogar die Lukenkeile der beiden Luken achtern abgeschliffen hatten.

 

Nach dem Löschen dieser Ladung und der anschließenden Übernahme einer neuen sollten sich noch weitere Schäden am Schiff herausstellen, aber davon später.

Bild 35 - Nach dem Sturm "ersetzt" ein Strecktau das fehlende Schanzkleid

Bild 36

Bild 37

Irgendwann ist jeder Sturm mal zu Ende und wir strebten nach dem zermürbendem Kampf um unser Schiff dem Zielhafen Liverpool in Nova Scotia, Kanada, entgegen. Weitere Zwischenfälle traten im Rest dieser Seereise nicht mehr auf. Trotzdem waren alle heilfroh, als wir in den Hafen einliefen.

Da wir nicht mit eigenem Ladegeschirr löschten, konnten die meisten Besatzungsmitglieder ihren wohlverdienten und heiß ersehnten Landgang antreten.

 

Auch die Maschinen-Crew war zahlreich unter den Landgängern vertreten, hatte doch die elektrische "Elisabeth Schulte" etwas wovon andere Besatzungen träumen:
Im Rudermaschinenraum befand sich ein wachfreies Notstromaggregat, das für den Betrieb des normalen Bordnetzes ohne Ladebetrieb ausreichte. So gingen auf der "Elisabeth" auch dann nicht die Lichter aus, wenn im Hafen Landgang angesagt war und nur eine Bereitschaftswache an Bord verblieb.

 

Kam normalerweise zwar äußerst selten vor, dass fast alle gleichzeitig an Land gingen, aber dieses Mal wurde es umfassend ausgenutzt! Denn diese Reise hätte mächtig ins Auge gehen können, wenn uns nicht der Zufall und sämtliche verfügbaren Schutzengel zur Seite gestanden hätten.

 

Der Osten Kanadas ist landschaftlich sehr schön, hat aber auch seine Eigenheiten. Alkohol wurde nur in Clubs ausgeschenkt. War eigentlich nicht das große Problem, aber dort waren meist nur ältere Herren anzutreffen und das war nicht so ganz nach unserem Geschmack. Die holde Weiblichkeit hielt sich eher in den örtlichen Cafés auf, dort wurde zu unserem Leidwesen aber kein Alkohol ausgeschenkt.

 

Trotzdem haben wir alles unter einen Hut bekommen und unser Nordatlantik-Abenteuer gebührend und ausgiebig gefeiert. Leider wurde wegen dem heimlichen gemeinsamen Alkoholgenuss durchaus schon mal ein Lokalverbot ausgesprochen! Na ja, dann ging's eben woanders weiter!

Bild 38 - Auch "Land"Bilder müssen bei Seeleuten

offensichtlich stets Wasser beinhalten

 

Bild 39 - Unsere tapfere "Elisabeth" im Hafen von Liverpool, NS, deutlich sichtbar das fehlende Steuerbord-Schanzkleid.

 

Dass die "Elisabeth" doch mehr als angenommen gelitten hatte, merkten wir erst beim nächsten Beladen des Schiffes. Während die Tiefgangsmarken am Bug und Heck bereits eindeutig signalisierten, dass wir die volle Ladung an Bord hatten und das Schiff ausgetrimmt war, zeigte sich die Lademarke mittschiffs noch ein Stückchen davon entfernt.

 

Unser Ladeoffizier kriegte die Krise - es wurde gerechnet, begutachtet und beraten - aber es half alles nichts. Da war ein Unterschied, der nicht sein durfte. Das Schiff wurde also neu vermessen und dabei stellte man fest, dass sich der Rumpf während der Sturmfahrt verbogen hatte - ganz salopp gesagt wie eine Banane - mit dem Auge zwar nicht ohne weiteres zu erkennen, aber an den Lademarken deutlich ablesbar.

 

Unsere nächste Seereise ging dann wieder zurück nach Mobile (Alabama), dieses Mal ohne Sturmfahrt, und anschließend über Galveston (Texas) -wo wir endlich auch unseren neuen Deutz-Motorblock des 400 PS-Aggregats 3 in Empfang nehmen konnten- weiter nach Houston (Texas). Der Motorblock wurde im Hafen von unserer Maschinencrew mit Unterstützung eines eigens dafür eingeflogenen Deutz-Monteurs eingebaut, nachdem wir zuvor einen Teil der achteren Aufbauten noch während der Fahrt zerlegt hatten. Das war erforderlich, damit der alte rausgehievt und der neue Motorblock wieder positioniert werden konnte. Der Dieselmotor wurde anschließend auf hoher See (!) eingerichtet, so dass wir nun endlich wieder unsere normale Reisegeschwindigkeit von 12 Knoten laufen konnten und somit auch wieder ein Reserve-Bordnetzaggregat hatten.

Der Deutz-Monteur wurde übrigens später auf Höhe Miami von Bord abgeholt.

In Houston haben wir übrigens eine fürchterlich stinkende Ladung Tierfelle geladen für Klaipeda (damals noch Sowjetunion, heute Litauen), die während unserer mehrwöchigen Überfahrt diagonal über den Nordatlantik sogar den Aufenthalt im Maschinenraum zeitweise zur Qual werden ließ.

Ich blieb noch etwa ein halbes Jahr an Bord des DES "Elisabeth Schulte", das während dieser Zeit jetzt aber vornehmlich die Westafrikanische Küste, den Mittelmeerraum und Nord- und Ostsee ansteuerte.
 

Fortsetzung folgt!

 

Nach über 42 Jahren haben sich 2012 einige ehemalige Besatzungsmitglieder der DES "Elisabeth Schulte", die an der hier beschriebenen Seereise teilgenommen haben, über eine Homepage der Seefahrtsfreunde wiedergefunden. Nach regen und langen telefonischen Kontakten bzw. umfangreichem eMail-Verkehr mit Fotoaustausch war klar: Ein gemeinsames Treffen mit Informationsaustausch sollte in Kürze realisiert werden, möglichst im kleinen Maritimen Museum in Emden. Auch die Suche nach weiteren damaligen Crew-Mitgliedern ist im vollen Gang. Wir können das Treffen kaum erwarten, und natürlich werden diese Gespräche eine Menge Stoff für weitere Geschichten aus der damaligen Zeit ergeben. Unsere Geschichten können Sie dann, liebe Leserin und lieber Leser, selbstverständlich auch auf unseren Seiten lesen!

 

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Text: Willi Tebben

Fotos: Willi Tebben (Bild 32 - 35, 38, 39); Günter Platzer (Bild 36, 37)


 

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