DES "Elisabeth Schulte" - und das Schwarzbrot

 

Um die Überschrift besser verstehen zu können, muss ich ein klein wenig ausholen.

 

Sommer 1969 - Wir hatten gerade mal einen Smutje an Bord, der wohl nie die Chance gehabt hätte, als Sternekoch in die Geschichte einzugehen. Es gab soger Crew-Mitglieder, die behaupteten, der könne überhaupt nicht kochen. Aber ich muss zu seiner Ehrenrettung sagen, sieben Gerichte konnte er mehr oder weniger schmackhaft auf die Back bringen. War auch gut so, denn die Woche hatte nun mal sieben Tage und wir brauchten ordentlich was vor die Gabel und wir liebten die Abwechslung. Jeden Wochentag gab es also was anderes, auch wenn sich das wöchentlich wiederholte. Mir schmeckte es trotz gegenteiliger Meinung mancher Crewmitglieder, kann aber auch daran liegen, dass ich eher etwas rustikal augewachsen bin und somit nicht gerade verwöhnt war.

 

Auch wenn er als Koch vielleicht nicht immer eine glückliche Hand hatte, als Bäcker war er einsame Spitze. Sein selbst gebackenes Schwarzbrot hätte ihm mit Sicherheit an Land eine Goldmedaille eingebracht. Er war bereits ein Vierteljahr an Bord, als ich auf der Fahrt nach Emden in die Werft zufällig an Oberdeck kam und sah, wie einer der stämmigen Matrosen den schmächtigen Koch am Hosenbund und Hemdkragen gepackt hatte, ihn neben unseren Dampfer hielt und den völlig Verstörten anschrie: "Wenn du jetzt nicht endlich versprichst ein besseres Essen auf den Tisch zu bringen, lasse ich dich fallen!"

 

In dieser Situation hätte er mit Sicherheit alles versprochen, aber unmittelbar nach Ankunft in der Werft verließ er fluchtartig unser Schiff. Fiel zunächst nicht weiter auf, denn an Bord konnte in den nächsten 14 Tagen eh nicht gekocht werden und wir wurden von den Nordseewerken verköstigt. Ein neuer Koch wurde in der Zwischenzeit angeheuert. Der war zwar einsame Spitze, aber mit dem Brotbacken hatte er es nicht so und so mussten wir mehr als ein halbes Jahr auf unser heiß geliebtes Schwarzbrot verzichten, als der Vorrat an demselben verbraucht war.

 

Bild 1

Bild 2 - Typ Schwarzbrot

Frühling 1970 - Wir lagen mit unserer "Elisabeth" im Mittelamerikanischen Hafen Puerto Barrios (Guatemala). Ein paar Liegeplätze vor uns lag ebenfalls ein deutscher Frachter. So war es ganz normal, dass wir  irgendwann in einer Hafenkneipe aufeinander trafen. Man erzählte uns beim fröhlichen Umtrunk von dem Koch, den man am liebsten von Bord prügeln würde, weil sein Fraß so grottenschlecht war. Wir spitzten natürlich die Ohren und nach ein paar speziellen Fragen wusste wir, dass es sich hier um unseren Ex-Smut handelte. Wir erfuhren aber auch, dass er keinen Fuß an Land setzen durfte, dann würde er die Prügel seines Lebens beziehen. (In dem Zusammenhang: Schlägerei an Bord war verpönt und würde in jedem Fall ernste Konsequenzen nach sich ziehen).

 

Wir hatten nun nur noch Schwarzbrot vor Augen und geschmacklich auf der Zunge, und da beide Schiffe noch einige Liegezeit vor sich hatten, wurde auf dem Weg zurück an Bord ein Schlachtplan entwickelt, wie wir diese Gelegenheit nutzen konnten, an dieses köstliche Backwerk zu kommen. Wir setzten uns anschließend in der Mannschaftsmesse noch auf ein Absacker-Bier zusammen, wählten unsere stämmigsten Besatzungsmitglieder aus und entschieden, mit dieser Delegation unseren Ex-Koch zu besuchen und falls möglich mitzunehmen.

 

Gesagt, getan, am nächsten Abend ging diese muntere Truppe los, der Ex-Koch erkannte uns natürlich wieder und bekam große Augen, freute sich aber über die Abwechslung und willigte gerne ein, seinen früheren Wirkungsbereich noch einmal gefahrlos besuchen zu dürfen. Den Grund der Einladung hatten wir ihm zunächst aber wohlweislich verschwiegen, und so freute er sich sehr über unsere Einladung.

 

Gut gedeckt mitten im Begleitschutz schmuggelten wir ihn von Bord und feierten erst mal auf der "Elisabeth" ein fröhliches und unverhofftes Wiedersehen. Mit Alkohol wurde natürlich auch nicht gegeizt und schon bald hatten wir ihn überredet, uns ein paar Schwarzbrote wie in früheren Zeiten zu backen. Der Alkohol floss weiter, und als die Morgensonne aufging, stapelten sich die Schwarzbrote in unserer Kombüse. Langsam war es an der Zeit, unseren emsigen und leider nun auch ziemlich angetrunkenen Gast wieder zurück zu bringen, und so machten sich unsere Bodyguards erneut auf den Weg. Natürlich war die fremde Crew sauer über unsere Aktion, und wie es dann weiterging, haben wir nicht mehr erfahren, aber unser Begleitschutz kam ungehindert und unversehrt wieder zurück. Von dem Ex-Koch haben wir aber danach nie wieder etwas gehört oder gesehen. Aber wir hatten für Monate köstliches Schwarzbrot und erzählten uns noch lange von diesem geglückten Coup!

 

 

 

 

 

 
 

Text: Willi Tebben

Fotos: Willi Tebben (Bild 1);

Bild 2: Aufnahme von [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Rainer_Zenz Rainer Zenz]. Uploaded to German Wikipedia June 17, 2005 by [http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Rainer_Zenz Rainer Zenz]]


 

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