"Elisabeth" und der Schornsteinbrand

 

Juli 1969 - Seereise von Port Royal (South Carolina) nach Gent, anschließend sollte es nach Emden zur turnusgemäßen Grundüberholung in die Reederei-eigene Werft gehen. Zunächst hatten wir ein sehr schönes Wetter und ruhige See, allerdings braute sich bei den Azoren eine gewaltige Schlechtwetterfront auf. Laut Seewetterwarnung war mit einem Orkan zu rechnen. Tja, und der erwischte uns dann auch

Bild 1 - So sollte es eigentlich sein - ein rauchloser Schornstein

Bild 2 - ... doch dann ging's rund - eine sehr holprige Seestrecke.

 

 

 

War aber eigentlich nichts Außergewöhnliches. Die "Elisabeth" war sturmerprobt und kämpfte sich tapfer durch die haushohen Seen. Bei dem Wetter fiel allerdings unsere "Happy Hour" mittschiffs aus, war einfach zu gefährlich bei den überkommenden Brechern an Deck "lustzuwandeln".

 

Das Bordnetz wurde vom Bordnetz-Aggregat 4 versorgt, Der Propeller war einem enorm stark wechselnden Druck durch die hohe See ausgesetzt. Das übertrug sich auf die Fahrmotoren. Die Stromschwankungen wurden dadurch so groß, dass ein Bordnetzbetrieb über Fahrschiene wie sonst üblich nicht mehr möglich war.

 

Sonst gab es aber weiter keine besonderen Vorkommnisse und wir näherten uns dem Englischen Kanal (Ärmelkanal).

 

Ich hatte gerade einige Reparaturarbeiten im Mannschaftwohndeck durchzuführen, als ich seltsame Geräusche am Oberdeck vernahm, die ich so noch nie gehört hatte und eigentlich auch jetzt noch gar nicht richtig beschreiben kann.

 

Also ging ich ans Oberdeck, um nachzuschauen, was da los war.

 

Der Schornstein qualmte pechschwarz, und glühende Rußbrocken flogen mir um die Ohren. Also volle Deckung und ab in den Maschinenraum. Hier herrschte echte Hektik, denn man sah bereits brennende Farbe aus dem Maschinenschacht im Bereich der Schalldämpfer oberhalb des Maschinenraums tropfen. Das konnte zwar mit Feuerlöschern in Schach gehalten werden, löschte aber nicht die Brandursache. Dazu wurden spezielle CO2-Löscher in dem Abgassystem eingesetzt, in der Hoffnung, dass die vorhandene Menge reichte. Wo mit Wasser gekühlt werden konnte, wurde auch das eingesetzt.

 

Unser Funker erzählte mir später, dass ein in der Nähe fahrendes Passagierschiff das "Feuerschiff" anfunkte, ob Hilfe benötigt würde, was jedoch dankend abgelehnt wurde.

 

Klar, dass wir alles dransetzten, den Brand unter Kontrolle zu bekommen, denn Feuer an Bord ist immer extrem gefährlich und hat schon vielen Schiffen die Existenz gekostet.

 

Im gesamten Achterschiff gab es keinen betriebsbereiten Feuerlösche mehr, als wir der Brücke endlich "Feuer aus" melden konnten. Aber wie sah unser sonst doch recht gepflegter Maschinenraum aus. Überall im Maschinenschacht verkohlte Farbe und riesige Brandblasen an den Wänden. Man konnte sehr gut erkennen, wo das Feuer besonders gewütet hatte, aber wir hatten es geschafft.

 

Mit Sicherheit war nun der Auspuff freigebrannt, den Rest konnten wir mit viel Zeit und Farbe wieder in den Griff kriegen.

 

Sorgen machte uns aber nun der Mangel an intakten Feuerlöschern. Pulver hatten wir genug an Bord, also begaben wir uns daran, die leeren Feuerlöscher wieder zu füllen. Dabei stellten wir jedoch fest, dass keine Ventilplättchen an Bord waren. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch, und Chief Pfeiffer stellte welche aus dünnem Messingblech her. In der Werft in Emden sollten die Feuerlöscher eh überprüft bzw. ausgetauscht werden.

 

Bild 3 - Eine riesige pechschwarze Rauchwolke stieg aus dem Schornstein auf, der gleichzeitig dicke Rußbrocken wie bei einem Vulkanausbruch ausspuckte.

Bild 4 - Hier schlagen schon die Flammen aus dem Schornstein

Bild 5 - Daraufhin wurde wohl auch hier eine aufwändige Renovierung nötig

 

Bild 6 - Hier noch ein letzter Blick auf die langsam kleiner werdende Stichflamme, die Minuten früher noch mächtig höher war.

Hat man in Emden dann auch gemacht, aber ein Feuerlöscher wurde dabei wohl vergessen. Das habe ich Monate später leidvoll merken müssen.

 

Es kam schon mal vor, dass z.B. die Putzlappenkiste in der Maschinenwerkstatt in Brand geriet, sei es durch Schweißarbeiten oder Arbeiten mit der Flex. Eines Abends, als ich den Chief für sein kurzes Luftschnappen an Deck abgelöst hatte, bemerkte ich beim Blick aus dem Fahrstandfenster ein unübliches Flackern in der Masch.-Werkstatt. Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass hier eine Leuchtstoffröhre ihr Lebensende signalisierte, oder??!!!. Raus aus dem Fahrstand, nächsten Feuerlöscher schnappen, entsichern, über die Flammen zielen und kurzer Löschstoß. "Buff" machte es und der Löscher spuckte den gesamten Inhalt auf einmal aus. Aus war's mit dem Atmen, Riesenwolke um mich herum, kein Sauerstoff mehr in der Luft, jetzt wusste ich auch, warum Feuer nach so einem Löschvorgang einfach erstickte. Ich warf den leeren Löscher weg, fuhr meine Augen wegen akutem Sauerstoffmangel mindestens 10 cm raus und sah zu, dass ich einen Bereich erreichte außerhalb der Werkstatt, um wieder Luft zu bekommen. Hier japste ich eine Zeitlang rum, bis die Atmung sich wieder halbwegs normalisierte. Der Hals kratzte wie Teufel, und als der arme Chief wieder zurück kam, wusste er überhaupt nicht, was ihm geschah. Ich denke, meine Moralpredigt war nicht von schlechten Eltern und hat ihn mächtig beeindruckt, denn er hat es mir nicht nachgetragen, was ich ihm alles verbal an den Kopf geworfen habe.

 

Seitdem wurde ich bei der Ablösung auch immer informiert, wenn während der Wache in der Werkstatt entsprechend gearbeitet worden war. Und ich hatte in meinem sprichwörtlichen Glück (bin nämlich an einem Sonntag geboren) dafür gesorgt, dass auch der letzte selbstgefüllte Feuerlöscher vom Schornsteinbrand Juli 69 aus dem Verkehr gezogen war.

 

Mit Feuer hatten wir übrigens öfter zu tun, deshalb setzte irgendwann so was wie eine Routine ein. Aber davon berichte ich zu einem späteren Zeitpunkt.

 

Ende


Text: Willi Tebben

Fotos: Günter Platzer (Bild 1 - 6)


 

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