"Elisabeth" und die Sturmklappe

 

Die "Elisabeth Schulte" war seinerzeit ein etwas älteres Schiff, das noch keine Fäkalientanks an Bord hatte, was heute eigentlich undenkbar wäre. Der Ballast, den 'Mensch' nach ausgiebigen Mahlzeiten und notwendigem Trunk mit sich rumschleppte, wurde bei Bedarf direkt ohne Umwege dem natürlichen Kreislauf zugefügt - in diesem Fall dem Meer.

 

Die folgende Geschichte erzählt augenzwinkernd, dass das aber auch nicht immer so ganz reibungslos abging.

 

Zunächst sollte ich jedoch den Nichtseeleuten unter Ihnen den hierfür üblichen Ablauf erklären. Um die nunmehr unbrauchbaren Nahrungsreste sicher und gefahrlos zu entsorgen, ist den Schiffbau-Ingenieuren schon relativ früh eine tolle Technik eingefallen, nämlich die Sturmklappe. Das funktionierte folgendermaßen:

Diese Klappe wurde am Ende vom Toiletten-Fallrohr seeseitig angebracht. Sie öffnete sich, wenn von innen durch den Toilettengang und Spülwasser ein Druck aufgebaut wurde, anschließend oder wenn Wasserdruck von außen anstand, schloss sie sich wieder. Eine totsichere Sache, konnte gar nicht schiefgehen. Funktionierte sogar ohne Strom.

 

Wir schipperten frohgemut mit unserer kleinen "Elisabeth" und 12 Knoten Reisegeschwindigkeit (= etwa 22 km/h - wir waren nun mal kein Schnelldampfer) in einen aufkommenden Sturm hinein. Mit jeder Schraubenumdrehung merkten wir, dass der Seegang zunahm. Ja, der Seewetterbericht stimmte genau und auf die Minute, (1969 !!) da sollten sich ARD und ZDF mal ein Beispiel dran nehmen. Die sind heute noch wesentlich besser in Fehlmeldungen. Aber ich schweife schon wieder ab.

 

Ich verspürte also ein menschliches Rühren an meinem Achtersteven, und so begab ich mich dorthin, wo selbst der Kaiser von China zu Fuß hingeht, wie der Volksmund so schön sagt.

 

Die Fliehkräfte beim Auf und Ab des Schiffes unterstützten so herrlich beim Geschäft, so dass ich ziemlich schnell zur Sache kam. Was ich dann

aber erlebte, kann gar nicht so schnell geschrieben und gelesen werden wie geschehen, es handelte sich nur um Sekunden.

 

"Elisabeth" sackte plötzlich ungewöhnlich tief in ein Wellental, das bedeutete, gleich kommt auch eine höhere Welle. Ich trennte mich schnell von meinem Ballast, hörte ein tiefes Gurgeln und Wuuuschsch, wurde es achtern feucht. Ich dachte noch so bei mir: "Super, was für ein Service, vollautomatische Spülvorrichtung nach dem Stuhlgang - spart echt Toilettenpapier." Dann aber merkte ich, dass mein Hemd klatschnass war und das, wovon ich mich gerade getrennt hatte, jetzt unterm Hemd klebte. Meine anfängliche Begeisterung kühlte merklich ab. So 'ne Schei...e!

 

Sorgfältig auf die Bewegungen des Schiffes achtend schüttelte ich das Ganze abermals in die Schüssel, damit das Gleiche nicht noch mal passierte oder anschließend gar unter der Decke klebte. Dann mit Schwung den Deckel runter und mit meinen 66 kg Kampfgewicht auf den Deckel gekniet in der Hoffnung, dass es reichte. Normalerweise fand ich es immer sehr anregend, die wogende See durchs Bullauge zu betrachten. Jetzt kreisten meine Gedanken aber mehr darum, wie ich die Toilette bei der deutlich zu sehenden offen klemmenden Sturmklappe sichern konnte, um eine Überschwemmung der Sanitärräume und den daran anschließenden Wohnräumen auf der Steuerbordseite zu verhindern.

 

Ich wusste dass unser Smutje seine Suppentöpfe im Orkan mit unter der Decke verkeilten Topfdeckeln gegen Überschwappen sicherte, also brauchte ich auch was in dieser Richtung. Nebenan im Waschraum waren Schrubber und Abzieher, damit konnte ich zwar fürs erste den Toilettendeckel festklemmen, das war aber nicht so recht sturmsicher. Also trockenes Hemd angezogen (duschen konnte ich ja immer noch anschließend) und rüber zur Backbordseite, Bootsmann suchen. Der kriegte sich natürlich erst mal nicht wieder ein (na ja, Schadenfreude ist nun mal die aufrichtigste Freude), setzte dann aber die Toilette vorläufig außer Betrieb. Eine Reparatur dieser Sturmklappe war auf See leider nicht möglich, das ging erst wieder im Hafen. Und so blieb uns zumindest während des Sturms nur noch die eine Toilette auf der Backbordseite.

 

Text: Willi Tebben

Foto: Willi Tebben


 

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