Leben

Erleben

Überleben!!

 

Ein kurzer Abriss eines 17-Jährigen von 1942 - 1945


Nachdenklich - Schicksalhaft !

von Bernhard Friedrich Frahling

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Teil 1

 

Jugend ans Gewehr - und ab in den Krieg ! ! !

 

Dieses soll kein Aufruf sein zu "heroischen" Taten!! Nein, es ist die banale Zeiterinnerung eines heute achtzigjährigen Mannes und beschränkt sich in der Rückschau auf seine Jugend 1942 - 1945!!


Lassen Sie mich bitte schildern, wie ein 14-jähriger Junge die relativ kurze Zeitspanne bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahres eine unvorstellbare, kompakte und grausame Geschichte durchlaufen musste!

 

Und das alles nur dem Zwang der Zeit gehorchend!

Nichts war freiwillig!

 

Es war ein traumatisches Erleben, ohne dass ein so junger Mensch imstande war, den "rechten Durchblick" zu haben!!

Der Zwang, zum Dienst anzutreten, betraf ja nicht nur den Einzelnen, sondern die ganze Generation!

So haben fünfzig Prozent meiner alten Schulkameraden diese Zeit nicht lebend überstanden!!!

Und das ohne jegliche Schuld und Vorbedacht!!

 

Ebenso wurde mir mein eigentliches Berufsziel, die Journalistik, rigoros verwehrt!

Man wollte mich sogar als Bauernsohn zum späteren Kommissar in den besetzten Ostgebieten heranbilden! Das Veto meines Vaters hat mich Gottdank davor bewahrt.

 

Ein Freund von mir musste dieses später mit einem grausamen Tod bezahlen!!


Kaum waren wir mit vierzehn Jahren aus der Schule entlassen, wurden wir für vier Wochen dienstverpflichtet, und zwar zur Zeche Schlägel und Eisen, auch für vier Tage Untertage!!

 

Doch kaum zurück, ging es zur " vormilitärischen Ausbildung" nach Augustdorf/Sennelager!!

Ich kann nicht sagen, dass die Einberufung dazu mich mit großer Begeisterung erfüllt hat. Jedoch negativ und widerwillig wurde sie von uns allen auch nicht aufgenommen!

 

Einerseits war sie ja auch nicht mit Krieg verbunden, jedenfalls nicht unmittelbar!

Andererseits war es für uns ein Ventil, etwas leisten zu dürfen, welches in der Natürlichkeit eines heranwachsenden Menschen liegen dürfte!

Doch, was hieß hier schon "vormilitärisch"?? Es war schon eine "richtige" Ausbildung an der Waffe!!

 

Dabei wurde uns dann doch klar, dass dieses erst der Auftakt dazu war, um kurz oder lang später selbst am Krieg teilnehmen zu müssen! Begeisterung kam dabei allerdings in mir auf, als ich auf dieser Weise meinen Wehrmachts-Führerschein machen durfte!

Darauf war ich sehr stolz, wusste aber noch nicht, welche Nachteile das für mich später haben sollte!!


Fast unmittelbar nach dieser Ausbildung kam dann die Einberufung zum RAD-Reichsarbeitsdienst! Das bedeutete schon eine konkretere Hinführung zum Kriegsgeschehen!! Das hatte mittlerweile mit dem ursprünglichen Sinn, nämlich Arbeit und Spaten, nichts mehr gemein!!

 

Hier ging es sofort ohne Umschweife gen Osten! Über Danzig nach Königsberg, Allenstein, Goldap, Preußisch Eylau, quer durch die Masuren bis nordöstlich Warschau! Hier bei Bialystok stand derzeit die Front!

Wir mussten Munition verladen und da ich ja einen Führerschein hatte, saß ich nun als Beifahrer im Munitionstransport zur Front!

Hierbei verging mir alle Freude und auch die Freude über meinen Führerschein!!

 

Es war fünfzehn Grad minus und einen Meter Schnee!!

Gottdank war ich in Gesellschaft erfahrener Frontsoldaten, denn nach einiger Zeit spürte ich plötzlich meine Füße nicht mehr, sie waren mir erfroren! Doch die sofortige Hilfe der Soldaten und eines Sanitäters bewahrten mich vor größerer Auswirkung!!

Es war aber auch sowieso keine Zeit fürs Lazarett, denn urplötzlich setzte der Russe zur Offensive an!!

 

Da gab es für uns RAD-Leute absolut keine Fragen mehr!

Unter dem Eindruck des größten Feuerwerkes, welches ich je gesehen, hieß es für uns nur, rette sich wer kann!!!

Nur weg von dem Munitionslager, zu dem ich soeben noch die Munition gefahren hatte!!

Und das war auch gut so, denn wir sahen nur noch, wie das ganze Lager von den eigenen Soldaten in die Luft gesprengt wurde!!

Jetzt war es gut, dass wir ja noch RAD-Leute waren!!! Wenn auch kopflos, so gelangten wir doch in unsere Basis zurück!!!

 

Eine Lokomotive mit mehreren leeren Waggons kam vorgefahren, um uns aufzunehmen!

 

In aller Eile installierten wir unsere Feldküche auf einen der Waggons. So fuhren wir sogar wohlorganisiert aus dieser Hölle heraus! Später hörten wir, dass drei Tage später schon alles überrollt gewesen ist!!

 

Wir waren zwar sehr massiv bedrängt worden, den Soldatenrock anzuziehen, um in das Kampfgeschehen mit eingefügt zu werden, doch das hatten wir noch ablehnen können!!

Da man ja mittlerweile Weihnachten 1944 schrieb, bekamen wir noch eine Zuteilung von 250 Zigaretten und ein Kochgeschirr voller Rum 80 %!! Auch die wären ja sonst im Wirrwar untergegangen!!

 

Gott sei Dank ging es nun mit meinen Füßen besser, vielleicht, weil ich absolut keine Zeit hatte, darüber nachzudenken!!

 

Ich muss ganz ehrlich sagen, all unser Denken und Tun ging in diesem Moment unter, anlässlich der nunmehrigen Gewissheit, dem ungeheuren Frontdesaster in buchstäblich allerletzter Minute entronnen zu sein!!! Ja, ich bin dem Herrgott dankbar, dass in solchen Momenten das instinktive Handeln jedwedes konkretes Denken überflügelt!!! Dieser Satz birgt die innere Wahrheit, doch kann auch nach außen hin sehr tödlich sein!

 

Denn unser Zug gelangte nun bis nach Trachenberg im Kreise Militsch an der Oder!! Hier sollten wir einige Tage Ruhe genießen, bevor wir aufgelöst würden.

 

Und hier erlebte ich eine Begebenheit, die ich in meinem ganzen Leben deutlich vor Augen und niemals vergessen habe!!

 

Ich stand dort mit einigen Kameraden an einer Straße. Plötzlich kommt von Ferne ein Treck heraufgezogen! Es waren alte Frauen, Greise, Kinder, auch junge Frauen mit Kindern auf dem Arm!!! Alle in Lumpen gehüllt, an den Füßen teils Sackleinen, teils barfuß!!! Es lag 3o cm Schnee und es war minus acht Grad kalt!!! So ein trauriges Elend hatte ich noch nie gesehen!! Sie schleppten sich nur mühsam vorwärts und konnten sich kaum auf den Beinen halten!!!

 

Ich griff instinktiv in meinen Brotbeutel, in dem noch ein kleines Stück Brot war, welches ich ihnen geben wollte! Doch herrschte mich ein Vor -gesetzter an: "Lass das, sonst läufst Du gleich auch mit in diesem Zug!!"

 

Es schoss mir aber sofort in den Kopf, das also ist ein KZ, von dem ich zwar wohl etwas munkeln hörte, aber nie etwas Konkretes erfahren hatte!!!! Beschämtes Entsetzen kam in mir hoch!!! Ist vielleicht den Juden, die aus meinem Heimatdorf damals über Nacht so plötzlich verschwunden waren, das gleiche Los zuteil geworden??? Angesichts einer solchen Ahnung überfiel mich plötzlich ein ganz anderes Gefühl zu Denken!!! Schlagartig erinnerte ich mich an den Nachmittag und die Nacht, die später "Progrom-Nacht" heißen sollte!!! Gerade zufällig hatte ich damals mit einem Spielkameraden an der Straße gestanden, als dieser "Pöbelzug" sich anschickte, alle jüdischen Einrichtungen brutal zu zerstören!!!

 

Mir war seinerzeit eine heillose Wut hoch gekommen!! Denn zu zweien dieser jüdischen Familien hatte ich jede Woche Eier, Butter und geschlachtete Hähnchen bringen müssen! Auf unserem Bauernhof gingen diese Familien ein und aus! Die Eichenwalds z. B. verkauften so ihre Textilien. Die anderen Eichenwalds, Heimanns und vor allem Hirschs kauften von uns über die Hälfte des Viehes!! Vor allem an den immer freundlichen Herrn Gauger musste ich denken!

Dieser war "Rauchwaren-Händler"!! Da in unserer Kuhweide ein Eldorado für Maulwürfe war, fingen mein Bruder und ich diese mit Fallen!! Wenn wir diese auf Rähmchen spannten und trockneten, konnten wir diese jede Woche an den alten Herrn Gauger verkaufen!!

 

So hatte es schon damals angesichts dieser brutalen Progrom-Knüppelei in meinem Innern eine große Veränderung gegeben. So hatte ich mich auch gefreut, als mein Vater der Familie Hirsch zur Flucht verholfen hatte. Diese gelang über Holland nach Chile! Sie hatten seinerzeit wohl ihre Ankunft in Chile vermeldet, doch seitdem hatten wir nichts mehr von ihnen gehört! Vor allem mit dem Viehhändler Hirsch hatte uns eine gute Freundschaft verbunden! Das also waren die grauenhaften Methoden eines KZ??? Eine solche Vorstellung hatte man uns nie wissen lassen!!??! Jetzt erst hatte ich richtig und augenscheinlich verstanden!!!
 

Ja, auch Trachenberg konnten wir nun ade sagen, denn wir wurden tatsächlich aufgelöst und in die Heimat entlassen!! Man musste sich wieder von liebgewordenen Kameraden verabschieden! Viele davon kamen aus Ostpreußen oder Pommern. Mit Schrecken dachten diese daran, ob die russische Feuerwalze auch ihre Heimat erfassen wurde??! Einen davon hatte ich richtig ins Herz geschlossen!


War ich doch Stubenältester, als auf unserer Stube mir einer meldete, seine Uhr wäre ihm gestohlen worden! Ich habe ihn sofort dazu verpflichtet, nichts darüber zu sagen, ich selbst würde ihm seine Uhr wiederbesorgen! Denn auf Kameraden-Diebstahl stand der Tod! Meist kamen solche Leute in die "Bewährungs-Kompanie", sofern sie nicht vorher schon erschossen wären!! Aber auch diese Kompanie bedeutete der sichere Tod, wurden sie doch als sogenanntes " Himmelfahrts-Kommando" an aussichtslosen Brennpunkten einfach "verheizt"!! Doch, da ich meine Kameraden genau kannte, hatte ich einen davon sogleich in sicherem Verdacht! Ohne, dass andere etwas bemerkten, nahm ich ihn zur Seite: "Radke, Du bist doch mein guter Kamerad! Es bleibt unter uns vollkommen geheim, denn Du weißt doch, welche Strafe darauf steht! Komm, gib mir die Uhr zurück, dann verspreche ich Dir, dass niemand etwas merkt!! Sogleich zog er die Uhr aus seinem Stiefelschaft und gab sie mir! Ich glaube, es war ihm auch schon eine sichtliche Erleichterung!! Ebenso unbemerkt gab ich dann später dem Bestohlenen die Uhr zurück und verpflichtete ihn nochmals zum Stillschweigen, denn auch er wusste ja nicht, wer der Dieb gewesen war!

 

Sofort aber hatte ich zwei gute Freunde gewonnen und besonders Radke tat sich fürderhin als guter Kamerad hervor! So habe ich besonders dieser beiden Kameraden gedacht, ob sie wohl ihre Heimat wiedersehen werden!??!


Für uns ging es nun mit einem Zug über Liegnitz, Görlitz, Dresden, über den Kyffhäuser bis Hamm!! Von dort aus fuhren wir dann getrennt nach Hause! Es waren gerade einige Tage nach Weihnachten 1944!! Dort in Polen, wo wir ja hergekommen waren, war mittlerweile alles von der gewaltigen russischen Offensive niedergewalzt worden!!! Drei Tage also hatten wir Vorsprung gehabt, vor dem evtl. sicheren Tod!!!

 

Doch begreifen konnte ich diese Situation noch lange nicht, es gab auch weder Zeit noch Anlass dazu! In jede Familie hatte der Krieg und der Tod inzwischen leidvolle Lücken gerissen!! Auch mein Lieblingsbruder war in Polen gefallen, so wie auch viele meiner engsten Freunde und Bekannten!! Und mein Gestellungsbefehl zur Wehrmacht lag auch schon vor!!

 

Am 2. Januar 1945 musste ich schon wieder antreten! Man darf sich vorstellen, dass da weder Lust noch Freude aufkam!! Ein kleines Trüppchen Gleichaltriger versammelte sich nun zu einem Abschied, der für allzu viele aus meinem engeren Gesichtskreis zum Abschied auf "Nimmer-Wiedersehen" werden sollte!!! Abschied auch von Vater und Mutter, denen das Schlucken im Halse stecken blieb! Von meinen Geschwistern, von Nachbarn, von Haus und Hof und meinem treuesten Freund, meinem Hund!!

 

Auch etliche Schulkameraden waren bei dem kleinen Trupp, der sich nun tags vorher versammelte, um noch einmal ausgiebig durch den Ort zu streifen!! Auch, um noch einmal in den Kneipen einzukehren, wo wir des Öfteren unser "Kümmelwasser", gefärbtes "Ersatzbier" usw. getrunken hatten! Bei Guste, bei Westkamp, bei Peter Vootz oder bei meinem Onkel Bernhard Spinne! Dort hatten wir als "Luftschutz-Warte" unseren Standort bei Fliegerangriffen gehabt!! Bei Bernings oder Turniers, wo wir als Fußballer zuhause waren! Nicht zu vergessen aber auch "Mutti Garbrock", wo wir Billard spielten! Die so liebenswerte Mutti Garbrock buk dann eigens für uns einen Tortenboden, den sie mit Obst belegte!

 

Ja, nicht und rein gar nicht um uns zu betrinken machten wir diese Abschiedstour, nein, nur um uns aus tiefstem Herzen zu verabschieden!! Denn gerade diese Leute wussten um den Ernst der Sache! Nein, es war für uns allen, so auch für mich, ein sehr bewegender wie bedrückender Abschied!!

 

Der Schrecken des Kriegsgeschehens hatte doch schon mittlerweile einen unvorstellbar grausamen und verlustreichen Höhepunkt erreicht !! Darum war jedem der so Beteiligten doch klar, dass wir nicht zum "Endsieg", sondern nur als "Kanonenfutter" antraten!!! Und zwar, ohne es richtig zu begreifen!!!

 

 Heute, mit achtzig Jahren, kann ich jene damalige Zeit noch sehr gut hervorholen! Doch es erschreckt mich ein wenig, wie ich diese auch für mich so bedrohliche Situation mit einer gewissen, jugendlichen Sorglosigkeit übergehen konnte??! Man registrierte die Zeit und selbst ihre Schrecken, doch hier zeigte sich, wie der jugendliche Verstand eines Siebzehnjährigen vielleicht mehr der Romantik lebte, aber die Realität noch nicht einmal halbwegs begriff!!


Es war eine Situation wie zwischen Bier und Schaum!! Man gehe darum im Nachhinein mit jeglicher Kritik sehr sorgfältig um!!


So fand ich mich am 2. Januar 1945 in der Sagan-Kaserne Wuppertal wieder ein zur weiteren Ausbildung. Doch wir waren ja schon richtig militärisch ausgebildet, so dass dieses mehr eine Übergangsposition war! Hier war ich wegen meiner durch Frost lädierten Füße vom schweren Dienst befreit! Dafür durfte ich dem Hauptmann die Stiefel putzen! Das währte allerdings nicht lange.

 

Ich war nämlich beim Schießen der beste Schütze der Kompanie! So musste ich mich mit noch einen Kameraden auf der Schreibstube melden. Im ersten Moment wusste ich zwar nicht warum, denn ich war mir keinerlei Schuld bewusst. So hieß es zuerst, ich sollte einer Scharfschützen-Kompanie überstellt werden! Doch ich bekam mit meinem Kameraden einen Marschbefehl zu einer Divisions-Sturmkompanie z.b.V. Dieses war eine Elite-Kompanie und nun gerade dem Kommando der SS-Division "Das Reich" unterstellt worden!! Es war also nur kommandomäßig!

 

Außer uns beiden waren hier alles nur Dreißig- bis Vierzigjährige!! Es war eine reine Infanterie-Kompanie und war soeben aus dem Reichswald gekommen. Also auf dem Rückmarsch, um über den Rhein zu kommen, denn der Krieg hatte schon seine Endphase erreicht!!! Bei Zons-Dormagen gelangten wir so über den Rhein. Dabei musste ich als MG-Schütze I, der ich war, mit meinem MG die Sicherung übernehmen. Als aber der Ami bei Remagen einen kleinen Brückenkopf bilden konnte, wurden wir im Eilmarsch dahin beordert.

 

Doch was konnten wir schon gegen gegen die gewaltige Übermacht des Materialeinsatzes ausrichten? Nach einiger Feindberührung waren auch wir permanent zur Absetzbewegung gezwungen! Ein paar Verluste waren allerdings bis jetzt zu beklagen. So ging es ins Bergische Land! Nach Reibereien um Engelskirchen und Much setzte ich mich nun auf einem Höhenzug der Drabender Höhe mit meinem MG fest. Ich bekam Befehl, von hier aus ein Munitions-Depot der Amis zu "bespucken"! Mein Muni-Schütze reihte mir alle acht Schuss eine Leuchtspur ein und es währte nicht lange, da flog zuerst das Treibstoff-Lager, dann auch das Muni-Lager in die Luft!


Im Nachhinein muss man sagen, es war reiner Unsinn, doch ich hatte ausdrücklichen Befehl dazu!! Darum möchte ich auch ungern weiter darüber berichten, denn nun begann der Ami, sich von allen Seiten auf uns einzuschießen!! Die Folge: Muni-Schütze verwundet, mein Beobachter tot und mein MG stand nach einem Volltreffer wie ein Flitzebogen im Erdreich!! Wie mein "Schutzengel" mich zwischen dem wütenden Granateinschlägen hindurch führte, ist mir bis heute ein Rätsel!! Nur weg von dieser Anhöhe!

 

Meine Kompanie war verschwunden! Von Weitem sah ich eine Ruine, ein Haus war es wohl gewesen! Nichts wie hin, dass ich eine Deckung hatte! Doch der Kellereingang war noch ziemlich heil. Um die Ecke stand ein Tonkrug. Was mochte da wohl drin sein?? Vorsichtig strich ich den dicken Staub zur Seite, da fühlte ich, es war Dickmilch!! Und so eine schöne habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gegessen!!

 

Doch nun weiter! Wo soll meine Einheit wohl sein?? An einer Wegekreuzung stand eine große Eiche. Doch, oh Schreck, von einem Ast baumelten mir ein Paar Füße entgegen! Der gefürchtete "Soldatenklau" Schörner hatte hier seine Hand im Spiel, ein Landser war hier "aufgeknöpft" worden!! Nun kamen auch schon die "Kettenhunde" und machten tatsächlich Anstalt, um mich evtl. auch dahin zu befördern!! Doch hatte ich auch kein MG mehr, so hatte ich doch noch meine gute Pistole, die ich nun ebenfalls zog, wobei ich mich zu erkennen gab!! Ich glaube es hätte nichts genützt, wenn nicht plötzlich ein Offizier aufgetaucht wäre!!??

 

Meine ordnungsgemäße Meldung musste ihn wohl überzeugen, denn er war mir noch behilflich bei der Suche nach meiner Einheit! Diese fand ich dann wieder in der Gegend um Lindlar. Auch dort machte ich meine Meldung über den Gefechtsverlauf und besonders über den Tod meines Kameraden, der, als er sein Fernglas erhoben hatte, vom Ami angepeilt wurde und dann einen Granat-Volltreffer erhielt!!

 

Zwei Tage später verlor ich wieder einen guten Kameraden! Dieser hatte zwei Meter neben mir liegend, einen Gewehrschuss in die linke Schulter erhalten. Nichtachtend des auf uns gerichteten Feuers habe ich ihn sofort einem Sanitäter übergeben!

 

Später, nach dem Kriege, habe ich ihn besuchen wollen, denn es war der einzige Sohn des Bahnhofswirtes von Langenfeld/Rhld. gewesen! Doch seine Eltern erklärten mir, er wäre im Lazarett gestorben!

 

Das war äußerst tragisch, denn nur einen Tag später waren wir auf einer Anhöhe ringsum von dicht an dicht stehenden Panzern umzingelt!! Wir waren allerdings nur noch die halbe Kompanie und es blieb uns nur die Gefangenschaft! An einen Baum weit sichtbar, hefteten wir ein weißes Tuch! Unsere Waffen demolierten wir völlig unbrauchbar und warfen sie in einen Steinbruch! Mit den verbliebenen Marketenderwaren stopften wir uns voll und warteten in einem Stollen, in dem hunderte Flaschen Wein lagerten! Das sollte nun vorläufig die letzte Flasche Wein sein!!!

 

Einer von uns sprach fließend englisch! Als die ersten Amis im Gebüsch auftauchten, gab er diesen unser Vorhaben zu erkennen! Doch sofort zogen diese sich zurück und belegten uns noch zwei Stunden lang mit Granatfeuer!!! Dabei sind noch vier Kameraden ums Leben gekommen!! Nun aber kamen sie mit viel Getöse und großer Verstärkung heran!

 

Natürlich waren wir froh, dass der Krieg ein Ende hatte!!! Doch mit dem welches nun folgte, habe auch ich nicht gerechnet! Keine Dauerwurst, keine Schokolade, keine Uhr, absolut kein scharfer Gegenstand blieb uns nun am Leibe!! Wir wurden einzeln abgeführt, auf jeden von uns kamen drei Amis!! Ich hatte einen Gewehrlauf im Rücken und je einen in meinen Seiten! So ging es den Berg hinunter, wo schon von Weitem sichtbar etliche Tausend Landser standen!! Dort angekommen rief uns sogar ein deutscher Offizier entgegen: "Ah, da sind sie ja"!!!

 

Über diesen Satz habe ich bis weit nach dem Kriege nachdenken müssen, bis mir dann die Erleuchtung kam! Denn wir waren doch keine Verbrecher und ich hatte mir nichts derlei vorzuwerfen!!! Die Ursache war, dass wir kurz zuvor kommandomäßig der SS-Division "Das Reich" unterstellt wurden und "mitgefangen" gleich "mitgehangen"!!! Das einzig wusste ich, doch nicht, dass diese Division wegen Oradour berüchtigt und darum der Todfeind Frankreichs war!!! Das alles erfuhr ich weit nach dem Kriege!! Doch, das waren nicht wir !!!


Darum war ich sehr erstaunt, als wir am Sammelplatz nicht zum großen "Haufen" kamen, sondern es hieß, gesondert links heraus!!! Ein Trupp Schwarzer, es waren Marokkaner, schnitt uns sämtliche Knöpfe von der Uniform, aber auch die Koppel mussten wir abgeben! Dann hagelte eine massive Knüppelei auf uns ein mit Knüppeln und Gewehrkolben!!

 

Dann trieb man uns auf einen LKW, und zwar sehr brutal! Wir standen so dicht, dass niemand weder umfallen noch abspringen konnte! Das alles spielte sich ab am 12. April 1945 !!! Es war zwar schon Abend, doch alles stand unter mehr als greller Beleuchtung! So auch unser LKW, mit dem es nun in einer unheimlich rasenden Fahrt westwärts abging! Ich muss dabei wohl in der Mitte des Wagens gestanden sein und musste höllisch aufpassen, nicht erdrückt zu werden! Die Fahrer waren schwarze Amis und sie hatten, wie ich später erfuhr, den ausdrücklichen Befehl, so waghalsig und schnell zu fahren wie eben möglich, so dass niemand abspringen konnte!!

 

Wohin die Fahrt ging, konnte ich allerdings nicht ausmachen, hörte aber wohl von andern, es musste die Gegend um Neuwied sein. Denn hier ging es über den Rhein. Ich weiß aber nicht, ob über eine intakte oder Behelfsbrücke, ich konnte ja nichts sehen und es war Nacht!! Doch plötzlich war die Fahrt zu Ende! Das ganze Gelände war taghell und grell erleuchtet von Scheinwerfern. Hier war hohe Betriebsamkeit!

 

Es war auszumachen, dass hier schon ein Lager bestand ! Einzeln mussten wir vom Wagen springen und es ging durch ein Spalier von 8 bis 1o Bewachern hindurch, es waren aber Amis!! Jeder dieser Amis war mit Knüppeln bewaffnet und da wir ja einzeln durchlaufen mussten, schlugen sie wie besessen höllisch und brutal zu!!!


So etwas heißt: "Spießrutenlaufen"!! Viele schafften es nicht, denn sie lagen schon überall verstreut und andere Bewacher nahmen sich ihrer an! Ich habe es jedenfalls geschafft und das noch nicht einmal sonderlich zerbeult, allerdings überall blutend! Ich weiß aber definitiv, dass drei von uns hierbei zu Tode gekommen sind!! Von den schweren Verletzungen anderer gänzlich abgesehen!

 

Nun lagen wir zerschunden in einem Pferch und wussten auch, dass es Miesenheim war! Am anderen Morgen erkannten wir denn auch, was um uns herum vorging! Es war nun ein sehr heißer Tag. Neben uns, durch dichtem Stacheldraht getrennt, lagen lauter "Hiwis", nämlich Hilfswillige aus der Ukraine, Weißrussland und vor allem aus den baltischen Staaten, die mit uns gekämpft hatten!! Es waren derer sechstausend gewesen!! Und wir lagen auch am zweiten Tag noch ohne jegliche Verpflegung oder Wasser in glühender Hitze flach auf dem Boden liegend!!!

 

Plötzlich hieß es Antreten und wiederum mussten wir "Spießrutenlaufen"!!! Dabei hatten wir an Verpflegungsausgabe und Wasser gedacht!! Es ging aber nicht mehr so brutal zu, als beim ersten Mal! Am selben Tag des Abends hieß es dann doch, wir sollten einzeln unsere Verpflegung abholen! Man kann aber die brutale und listige Gemeinheit überhaupt nicht beschreiben, denn wir wurden wiederum gehörig mit Schlägen traktiert, bevor wir nun pro Mann ganze "vier Kekse" bekamen, aber wenigstens einen kleinen Schluck Wasser. Der Becher dazu war ein alter Kochgeschirrdeckel, der an der Wasserstelle reihum zu gehen hatte!!

 

Dafür gab es aber am folgenden dritten Tag absolut gar nichts und wiederum nur liegend in brennender Sonne! Aber dafür war an diesem Tag im "Hiwi-Lager" nebenan die Hölle los! Sie hätten soeben erfahren, dass sie an die Russen ausgeliefert werden sollten!!! Was sich hier nun unsäglich herzzerbrechend zutrug, war unbeschreibliche Grausamkeit!!! Sie flehten uns auf markerschütternder Weise an, ihnen doch zu helfen!!! Doch wir mussten tatenlos zusehen und standen angesichts dessen unter einem tiefgreifenden, mitleidendem Schock!!! Sie alle wussten, dass beim Russen der sichere und vielleicht sehr grausame Tod wartete!! Nicht nur, dass sie sich in unsagbarer Verzweiflung am Stacheldraht die Pulsadern aufrissen, nein, ich habe persönlich gesehen, wie sie sich gegenseitig sogar umbrachten!!! Also töteten!!!

 

Ich bitte die Nachwelt um Verständnis und Gefühlsamkeit, wenn ich dieses schreibe!! War der Krieg nun vorbei, oder lebte er nun wieder in ebenso grausamer Weise wieder auf???! Hier ohnmächtig und untätig miterleben müssen und dabei die eigene Perspektivlosigkeit vor Augen zu haben!! Doch diese innere Wut gebar auch in mir eine ungeheure Stärke als Selbsterhaltungstrieb!!


Sechstausend Todeskandidaten nebenan!! Wie viele so bei ihrem eigenen "Harakiri" ihr Leben ließen, weiß ich nicht, aber es waren derer sehr Viele!!!

 

Nach dem Kriege erfuhr ich, dass sie gar nicht bis Russland gekommen sind! In einem Steinbruch des Kyffhäuser wurden sie allesamt exekutiert, womöglich sogar den Nazis angelastet!??!


Doch auch in unserem Camp kam nun Bewegung! Ein kleiner Trupp von uns, etwa 25 Mann, so auch ich, wurden aufgescheucht zum Antreten!! Es ging tatsächlich zu Fuß zum Lagertor hinaus!! Erst später wussten wir, dass wir auf dem Marsch waren in ein anderes Lager und dieses sollte Andernach sein! Man laufe gefälligst die zwölf Kilometer mit schlotternden Knien, mit Hunger und noch mehr Durst!! Es ging aber über Feldwege!

 

Plötzlich sahen wir einen Steinwurf entfernt, eine Kuhle in einer Wiese, ein kleiner Tümpel und sogar voller Wasser!! Kein Bewacher konnte uns aufhalten, denn wir waren fast bis zum Wahnsinn ausgedörrt vor Durst! Also nichts wie hin!! Es hallten zwar Schüsse hinter uns her und trafen auch einige, doch mit sieben Mann lagen wir nun bäuchlings vor dieser Kuhle und schlürften gierig wie von Sinnen uns das Wasser ins Gesicht!!!

 

Doch welch ein Schrecken erfasste uns, als wir fertig waren!! Der ganze Tümpel lag voller in Verwesung schon zerfledderter Leichen! Also hatten wir pures Leichenwasser gesoffen!!! Scheinbar war es den Bewachern egal gewesen, denn es ging nun unbehelligt weiter!!

 

Doch schon bei der Ankunft in Andernach, welches ein schon größeres Lager war, war auch bei mir die Hölle los!! Der Schrecken saß uns tief in den Gliedern. Man konnte sich doch ausmalen, was das nach sich zog!! Ins Lager Andernach gelangten wir aber noch ziemlich gut. Nur kamen wir sofort in ein gesondertes Camp!! Und wie zu erwarten war, kam schon am anderen Morgen das Unheil drastisch auf uns zu!! Es war uns klar, dass wir mit Seuchen infiziert waren, so Weiße Ruhr, Rote Ruhr und Paratyphus!! Das war es ja, vor dem die Bewacher, Amis wie auch Franzosen, ungeheure panische Angst hatten, denn einmal um sich greifend, war sie kaum wieder einzudämmen!! Die Meisten davon Befallenen fielen von einem Tag zum anderen tot um wie die Fliegen. So ist es zu erklären, dass Tausende von Kameraden unter massenweise Chlorkalk und DDT auf die Schnelle ohne registriert zu werden, einfach "entsorgt" wurden! ! Auch das berichtete mir mein Lebensretter später!!!


So begann für uns eine lebensbedrohliche Leidenszeit! Das Drücken aus den Gedärmen überfiel uns nun mit drastischer Gewalt!! Doch das, was da eigentlich kommen musste, kam ja sowieso nicht, denn wir hatten doch schon lange nicht eine feste Nahrung gehabt! Es kam nur Blut und schließlich auch die eigenen Gedärme!!!

 

Drei von uns Sieben raffte es sofort hin! Nun waren wir noch derer Vier! Wir bekamen aber nun täglich sechs Keks und für jeden eine Handvoll Holzkohle! Zu Trinken für hundert Mann einen Kanister Wasser!! Hilfe von außen haben wir nur von unseren eigenen Kameraden erfahren! Sanitäter oder gar Arzt, vollkommen Fehlanzeige!! Entweder friss, oder stirb, in der Weise waren wir uns selbst überlassen! Wir blieben wenigstens zusammen, denn so konnten wir uns die Gedärme, die uns durch das immerwährende Pressen jeweils ca. zehn Zentimeter aus dem After gedrückt wurden, immer wieder gegenseitig mit dem Daumen zurückdrücken!!!

 

Zwei weitere Kameraden hielten dieses auch nur ein paar Tage durch, bis sie in elendiger Weise für ewig von uns Abschied nahmen! Ich sehe diese Szenen heute noch sehr deutlich vor mir!! Und das alles unter freiem Himmel, ohne schützende Decke flach im Dreck liegend, ohne aufstehen zu dürfen, geschweige denn können!!

 

Ich sage es einmal sehr deutlich, auch für meine toten Kameraden, dass diese Epoche des grausam "Dahinsiechens", für uns und für mich die alleräußerste Mobilisation an Durchhaltewillen und Selbsterhaltungstrieb erforderte!!! Und das sogar in einer dafür dringend notwendigen Abgestumpftheit!! Groß nachzudenken hatte hier keinen Platz!

 

Es gab zwar unweit unseres "Liegeplatzes" eine Latrine mit "Donnerbalken", doch was sollten wir dort und ein Hinkommen war angesichts unserer Schwäche fast unmöglich! Ich habe in dieser Phase mehrmals einen Kollaps erlitten, doch hilfreiche Kameraden sprangen mir zur Seite! In einem Fall ist mir noch bewusst, dass meine Kameraden mit aller Gewalt meinen Brustkorb traktierten, um mich zu reanimieren!! Ich wäre in der sengenden Hitze beim Versuch aufzustehen, einfach umgefallen und bewusstlos gewesen! Diese Trockenheit aber war andererseits wieder gut, da wir ja ohne jegliche Unterlage auf dem nackten Bodenlagen. Trotzdem hingen bei uns beiden die herausgedrückten Gedärme immer schutzlos im Dreck?!!

 

Wegen der besseren Kontrollmöglichkeit war unsere Liegestätte unter freiem Himmel jeweils eine "Zehnerschaft"!! Aber immerhin in einem "gesonderten" Camp!! Wie es nun hieß, geschah das wegen der Seuchen!! Denn abgesehen von uns beiden waren um uns herum fast alle meist mit Ruhr infiziert! Bei uns hatte man wegen des Leichenwassers sogar auf Cholera getippt!

 

Ich meine aber, das konnte es nicht sein, denn dann wären wir auch nach ein paar Tagen ganz sicher gestorben!! Es war schon schrecklich genug, dass wir Rote Ruhr, Weiße Ruhr und Paratyphus hatten, wobei später bei mir noch Hungertyphus dazu kam!!! Außerdem hatte ich sogar in der prallsten Sonne immer eiskalte und gefühllose Füße! Es schwante mir, dass sich meine Erfrierungen wieder bemerkbar machten! Das sollte sich später im Lazarett bestätigen!!!

 

Inzwischen hatte man uns, auch bei allen anderen Kameraden, mit Holzkohle überhäuft, so dass sich unsere Darmbeschwerden ziemlich besserten!

 

So fand auch ich nun Gelegenheit, meine Gedankenwelt wieder einigermaßen zu ordnen!! Vor allem wurde mir nun bewusst, welchen Zwiespalt wir als Gefangene hier außerdem zu bewältigen hatten!! Der Krieg war doch zu Ende, man brauchte nicht mehr den "Fronttod" befürchten!!

 

Doch hatte sich der Tod in der gemeinsten Weise nach hier hin verlagert! Das war doch nicht die versprochene "Obhut der Gefangenschaft"??? Die Alliierten hatten Millionen von Flugblättern abgeworfen, um die Soldaten zur Kapitulation zu drängen und in Gefangenschaft zu gehen!! Dort hatte man in höchsten Tönen den Himmel verheißen!! Dafür lag man hier nun, dem bewusst betriebenem Siechtum auf entwürdigendster Weise preisgegeben!!! Und wie zum Hohn und bewusst vorsätzlich brausten die Tiefflieger über unsere Köpfe hinweg!! Tiefe Demütigung mit der grinsenden Fratze des Siegers.

 

Eisenhower hatte den Befehl gegeben, möglichst viele dieser "Krauts" in den Rheinwiesen-Lagern sich selbst zu überlassen und ohne eine minimal ausreichende Verpflegung elendig krepieren zu lassen!!!!!


Es ist müßig zu sagen, dass das gesunde Fundament der Zukunft in der Vergangenheitsbewältigung der Gegenwart liegt!! Leider findet sich die leidvolle wie würdevolle Erfahrung der älteren Generation heutzutage nur in jeder x-beliebigen selbstgefälligen Windrichtung der Nachwelt wieder!!!


Doch zurück zu meiner eigenen Lagersituation muss ich betonen, dass auch so ein Lager sehr verschiedene Seiten hat! Einerseits hatten die Bewacher eine panische Angst vor den längst ausgebrochenen Seuchen und ließen uns deswegen sozusagen "im eigenen Dreck schmoren"!!!

Andererseits sahen wir in den umliegenden Camps im Vergleich zu uns "paradiesische Verhältnisse"!! Dort wurden überall Erdlöcher gegraben und hin und wieder qualmte auch ein Lagerfeuer!!

 

Es war in der Tat ein romantischer Anblick, so wie ich ihn auch in späteren Jahren auf Lagerbildern gesehen habe! Diesen Unterschied ansehen und dabei selber im Dreck "krepieren" zu müssen, erzeugte bei uns allen innerlich große Verzweiflung statt lang ersehnter Hoffnung!!! Gerade dieses erkennen zu müssen, hatte besonders bei meinen älteren Kameraden eine katastrophale Auswirkung!!! Unser Liegeplatz war flach und absolut flach zu halten, doch z. Zt. wenigstens trocken!

 

Wir bekamen nun eine Verpflegung aus großen Dosen der amerikanischen Heeres-Verpflegung und zwar derart zugeteilt, dass pro Tag und Nase zwei Esslöffel voll kalter Bohnen abfiel!!! In den anderen Camps konnte man wenigstens noch etwas damit anfangen, ein Süppchen kochen oder dergleichen, doch bei uns war nichts dergleichen möglich!! So stellte ich mir jede Bohne einzeln in den Mund und kaute sie genüsslich bei der Vorstellung, ich hätte den ganzen Mund davon voll!! So wurde ich wenigstens im Geiste satt!!

 

Ebenso stellte ich mir oft vor, ich läge Zuhause hinter dem Katzen- und Hundenapf und fürwahr bildete diese geistige Übung ein sehr wesentlicher Faktor des physischen Überlebens!! Ich möchte dieses ausdrücklich betonen!!!


Alles das spielte sich im gesonderten Camp des Lagers Andernach ab, im sogenannten Seuchencamp!! Inzwischen hatten sich bei uns beiden die Gedärme ziemlich beruhigt! Wir hatten aber außer enorm viel Holzkohle nichts weiter zusätzlich bekommen! Von Sanitätern war sowieso keine Spur. Täglich kam ein Kippfahrzeug in unser Camp, auf den man die Toten einfach an Händen und Füßen gepackt hinauf warf!! So verließ allein aus unserem Lager jeden Tag ein voll -beladener LKW das Lager!! Meist in Richtung Krematorium Koblenz und ihre Asche dann meist namenlos in den Rhein'''

 

Plötzlich, ich weiß weder Tag noch Stunde, kam hektische Aufbruch-Stimmung auf! Auf einmal geisterten allzu viele Parolen von Mund zu Mund! Ja, sogar von Entlassung wurde geträumt.


Heute, im Nachhinein, muss ich sagen, dass wir Gottlob nicht wussten, welch Drama uns noch bevorstand!! Denn die wahre Gefangenschaft sollte nun mal erst richtig anfangen!!!


Nun hieß es "Antreten"! Einige blieben allerdings liegen, die es absolut nicht konnten!! Was damit geschah, weiß ich nicht! Gleich hinter dem Lager befand sich ein Bahngleis, auf dem ein Zug mit einigen offenen Waggons stand. Zu diesen wurden wir nun hin geführt.

 

Was sollte das wohl bedeuten, zur Heimat würde der wohl bestimmt nicht fahren!??! Wir wurden derart in die Waggons gedrängt, dass alles dicht an dicht stand und man nicht einmal mehr umfallen konnte! Wie viel Mann das waren, weiß ich nicht, jedenfalls stand ich in der Mitte!! Nach der Sonne gerichtet, konnten wir ausmachen, dass es in Richtung Nordosten ging. Unter einer Brücke wurden wir noch mit Ziegelsteinen beworfen, wobei ich eine Platzwunde am Arm abbekam! Jedoch nicht allzuweit hielt plötzlich der Zug auf freier Strecke!

 

Vor uns lag ein freies Feld, es war ein Weizenfeld. Das Korn stand ca. 3o cm hoch. Alles aussteigen und auf diesem Weizenfeld niederhocken!! Wir waren wie die Schafe, denn es gab ein riesiges, gieriges "Fressen"!!! Ach, was labten sich unsere Mägen an dieser Rohkost!! Bald wussten wir aber auch, dass das hier unsere neue "Heimat" werden sollte! Rings um uns wurde in aller Eile Stacheldraht gezogen und wir saßen wiederum in einem Viereck gefangen!! Weithin war alles freies Gelände! Nur in der Ferne stand ein Gebäude mit einem Schornstein und daneben so etwas wie ein großes Zelt!

 

Es dauerte auch nicht lange, bis wir wussten, dass wir die Begründer des Lagers Sinzig waren, Sinzig am Rhein!!! Sofort veranstalteten wir eine im wahrsten Sinne des Wortes grandiose, vegetarische "Fress-Orgie"!! Vom sogenannten grünen Feld blieb nach einigen Tagen, vielleicht nur zwei Tagen, rein gar nichts übrig und kurze Zeit später auch weder ein Käfer, noch ein Regenwurm!!! Um diese Delikatesse wurde die Erde systematisch mit den Händen durchwühlt, denn irgend welche Gegenstände hatten wir ja nicht!

 

Doch die "vegetarische Kost", die für kurze Zeit unsere Mägen gefüllt hatte, war mittlerweile wieder "rückwärts" gewandert! Das war auch für mich angesichts des vorhergehenden Dilemmas ein großes Problem! Meinen Leidensgenossen hatte ich inzwischen aus den Augen verloren! Ob er vielleicht zurückgeblieben war, ich weiß es nicht, ich habe ihn jedenfalls niemals wiedergesehen!

 

Es war aber nunmehr höchste Zeit, dass man "richtige" Verpflegung bekam, wozu man hoffentlich "Verpflegung" sagen konnte!!! Inzwischen hatte man versucht, zu "geordneten" Verhältnissen zu kommen. Es wurden Gruppen gebildet, wiederum Zehnergruppen in Hundertschaften!! Ich war zwar durch alles Vorhergehende äußerst geschwächt, jedoch im Vergleich zu vielen, namentlich älteren Kameraden, in relativ guter Verfassung!! Das war mein starker, innerer Widerstand, der das bewirkt hatte!!

 

Wir konstatierten nun, wie sich das vorher so weitläufige Areal nun innerhalb weniger Tage zu einem riesigen Lager voller Gefangenen entwickelt hatte!! Das Lager wurde wieder in "Pferche" eingeteilt, Wachttürme wurden erbaut und überall nur Stacheldraht, besonders stark um unser "Camp"!! Alles pulsierte wie in einem riesigen Ameisenhaufen!

 

Obwohl in der Ferne nun mehrere große Zelte zu sehen waren, lagen wir wieder schutzlos auf nackter, gänzlich aufgewühlter Erde, denn wir hatten sie ja noch vorher gierig nach Käfern und Würmern durchwühlt!! Von Trockenheit daher keine Spur! Warum wohl unser Camp wiederum eine viel stärkere Umzäunung hatte als die anderen ringsherum??? Was hatten meine Kameraden und auch ich denn verbrochen, dessen wir bestraft werden sollten??? Wer war ich denn?? Trotz und Wut kamen in mir hoch!! Ich war doch noch ein ganz junger Mensch, der kaum den Krieg bestritten, geschweige denn, ihn begriffen hatte!!!! Wenn auch in einer Divisions-Kompagie z.b.V., doch nur Infanterie-Soldaten und keineswegs SS oder dergleichen und fernab jeglicher Dinge, die sich nicht gehörten!! Warum diese "Kollektiv-Schuld"?????

 

Zum Ergötzen der "Sieger", die sich einen höllischen Spaß daraus machten, hier gedemütigt, entwürdigt und zum langsamen "Siechtum" verurteilt zu werden, wofür und warum, das konnte und wollte ich nicht begreifen!! Besonders meine älteren Kameraden, die schon lange Jahre den Krieg an der Front mit all seinen Schrecken und Entbehrungen mitgemacht hatten und die Heimat, Frau und Kind schon lange nicht mehr gesehen hatten, konnten diese Gedanken ohne eine Perspektive nicht mehr durchstehen!!! Darüber innerhalb meines Berichtes noch ausführlich mehr!!


Nun aber waren wir, anstatt nach Hause zu kommen, in einem neuen Lager eingekehrt, nämlich Sinzig, an schönster Stelle des Rheines!!! Aber, es gab nun sogar "Verpflegung"!!! Diese zu verteilen, war ganz einfach!! Ein Beauftragter holte für die "Hundertschaft" ein, (in Worten "ein") Kommissbrot ab! Zehn Leute, nämlich aus jeder Zehnerschaft einer, saßen nun zusammen, um dieses Brot in zehn Teile zu zerschneiden mittels eines Stückchens Bandeisen!! Dann nahm jeder diesen "zehnten Teil" um zu seiner Zehnerschaft zu kommen!! Hier lauerten dann wiederum zehn Leute und zwar sehr argwöhnisch wie ein Luchs, dass er auch richtig "seinen Anteil", nämlich den "Hundertsten Teil eines Kommissbrotes" bekam, aber auch bitte mit dem "Krümelanteil"!!!!


Anmerkung: Ich habe dieses so geschrieben, damit man es verständlich vor Augen hat und es glauben soll, denn es war tatsächlich so und das als ganze "Tagesration"!!! Man muss das nur selbst so erlebt haben, dann kann man das auch so schreiben!!

 

Dazu pro Tag für hundert Mann einen Kanister Wasser!! Ich hatte in diesem Bericht schon vorhergehend betont, dass bei mir das geistige Überlebenstraining mit seinen "vollmundigen" Vorstellungen mein "Lebenserhalt" war!! Denn das war der entscheidende Faktor beim Verzehren meiner "Mahlzeit", die pro Tag nun aus einem Stückchen Brot, so groß oder klein wie eine Streichholzschachtel, bestand!!!!


Später, und zwar zwei Wochen später, wurde diese Ration verdoppelt!! Und das nicht ohne Grund. Denn was sollte ein Mensch mit so einem Minimum?? Damit leben ging nicht, also langsam "krepieren"!!! Und so hatten wir aufgrund dessen ein gewaltiges Massensterben zu beklagen!!!

 

Meine Kameraden, hauptsächlich die Älteren, starben wie die Fliegen?!! Auch ich lag des öfteren morgens neben einem Toten!! Der Abtransport der Toten wurde nunmehr zu einer hektischen Angelegenheit!! Auch ich habe mehrmals geholfen, einen Kameraden mit Schwung auf den Kipper zu befördern!!! Wie äußerst banal, geschah das komischer Weise ohne viel Regung!! Wenn ich doch nur geahnt hätte, dass es mir viel später genau so ergehen würde???!! Heute, im Nachhinein, erschrecke ich mich noch bei solchen Gedanken!!!


So war unser "Liegeplatz" ein "sonderbares" Camp! Es hatte ziemlich einen Hektar im Quadrat! In der linken Ecke, unweit unseres Liegeplatzes, war ein kleiner Bodenaushub zum Urinieren. Es war in der Größe ca. 4m x 4 m und 2 m tief. In der anderen Ecke war dann die Latrine, ein etwas länglicher Aushub mit einem "Donnerbalken " darüber. Dahin zu kommen war schon äußerst schwer, hatte man doch kaum Kräfte dazu. Allerdings war der Gang dahin nur alle drei bis vier Tage, denn es gab ja nichts zum "Drücken"!! Was kommen sollte, kam ja nicht mangels Masse, was aber kam, war wiederum die grausame Strapazierung der Gedärme!!

 

Innerhalb unserer Zehnerschaft war ich wohl am ärmlichsten ausgestattet! Meine schöne, mit allem ausgestattete Kampf-Jacke, hatte man mir gestohlen. Ich hatte sie als Kopfkissen benutzt. So hatte ich nur Hemd, einen Pullover und darüber eine Weste, Hose und Unterhose, Socken und Stiefel! Die Weste war noch ein Überbleibsel von Zuhause! Sie war mit Indanthren imprägniert, welches sich später noch vorteilhaft auswirken sollte! Die anderen Kameraden hatten zumeist noch ihre volle Uniform! Als Unterlage hatten wir allerdings alle nichts. So lagen wir auf nacktem Boden! Ich hatte nur kurz eine alte Zementtüte! Da diese aber aus Papier war, war sie nach einigen Tagen vom Wasser total zerfetzt.

 

Wir hatten aber soeben pro Zehnerschaft eine Decke erhalten. Doch sie reichte ja nur, um fünf Leiber damit zuzudecken! So wurde sie des Nachts alle zwei Stunden gewechselt, damit jeweils die anderen fünf in ihrem Genuss kamen! Dieses war jedes Mal mit Umdrehen auf die andere Seite verbunden!! Ich lag dabei ziemlich in der Mitte.

 

Eines Tages erfuhr ich, dass sich in der entgegengesetzten Ecke unseres Camps früher eine Rübenmiete befunden haben sollte. Nichts sagend und von Hunger getrieben, schlich ich mich leise von dannen! Bis dahin zu kommen, war ja auch für mich eine große Strapaze! Doch ich wollte dort einmal nachschauen, ob nicht irgend ein Rest davon vorhanden wäre! Ein faustgroßes Stückchen einer Rübe habe ich doch noch gefunden! Und es schmeckte wie Manna!!

 

Stolz schlich ich mich, so wie ich gekommen war, nun zu meiner Zehner-Gruppe zurück. Doch welch ein Schreck durchfuhr mich dort!! Ich sah nur einen Haufen von Menschen-Leibern, Zentimeter dick bepudert, als hätte es geschneit!! Zuerst hatte man ihnen kräftig und pfundweise unter ihre Kleider "gepustet", anschließend aber auch noch über alles hinweg noch einmal und das alles mit "purem DDT"!!! Das war die Entlausung und ich war als Einziger davon verschont geblieben!!

 

Oh weh, dachte ich, denn ich lag doch des Nachts genau in ihrer Mitte!!!?? Ja, schon mitten in der Nacht wurde es ziemlich "lebendig"!!! Alle Läuse der anderen Neun begannen sich nun in Windeseile zu den Meinigen auf meinen Körper zu versammeln!!! Und wie schnell die sein können, sollte auch einem "Läuse-Wissenschaftler" wohl erstaunen!!!

 

Da half nun nichts anderes, als alle Klamotten aus und splitternackt saß ich dann nun, inmitten aller!! Es war aber Gottdank just gutes Wetter, so dass es sogar unter aller Erheiterung ein lustiges "Läuse knacken" war!! Stundenlang ging das so und wir waren erstaunt, wie viele Exemplare doch zusammen kamen!! Doch eine Prachtlaus, es musste wohl deren Oberhaupt gewesen sein, wollte ich absolut nicht missen!! Ich setzte sie wieder zurück an ihren "Stammplatz" unter meinem linken Arm!! Doch dort hat dieser "treue Kamerad" aber auch nicht mehr lange gelebt!!

 

Doch solche Episoden gehörten einfach zum allgemeinen Lagerleben als positive Abwechslung!! Ja, sogar als absolutes "Novum" wurde daraus ein ziemlich fröhlicher Tag! Mancher, der bisher vollkommen das Lachen verlernt hatte, lachte hier nun einmal wieder herzhaft mit!!! Wir feixten noch dazu, hätten wir in der Gefangenschaft auf zehntausend Mann soviel Brote gehabt, wie wir momentan an Läusen, es hätte niemand sterben brauchen!! Es war ja nur eine kleine Begebenheit, aber ein wenig hat sie uns ja doch aufgemuntert! Nur in meiner, mit Indanthren von Bayer imprägnierten Weste, hatte sich absolut keine Laus aufgehalten!!


Aber wenn man schon von Brot spricht und von "Verpflegung", so kommt man schnell von der Lagerromantik zur banalen Wirklichkeit!! Man hatte zwar die Tagesration auf zwei Brote pro 1000 Mann erhöht, doch auch den "Siegern" müsste es doch klar sein, dass so etwas nur zum langsamen "Siechtum" reichte!

 

In dem Buch von James Bacque wird von Zeugen bestätigt dargelegt, dass seitens der Siegermächte eine volle Verpflegung der Gefangenen in vollkommen ausreichendem Maße in den Depots vorhanden gewesen wäre!! Es wäre aber vorsätzlich eine auf langsam Verhungern ausgerichtete Weise gehandhabt worden!!! So nahm auch bei uns die ganze Tragödie des langsamen Sterbens und Dahinsiechens seinen furchtbaren Verlauf!! Allein aus unserem Camp wurden täglich dreißig und mehr Kameraden elendig "verreckt" und tot abgeholt!!!!


Da ich selbst in dieser Phase ebenfalls unmittelbar und zunehmend einem solchen Ende zusteuerte, muss ich es im Nachhinein laut in die Welt hinaus schreien!! Schreien für Diejenigen, die täglich um mich herum erbärmlich und ohnmächtig schweigend zur Ewigkeit verdammt wurden!!! Es war, wie es nach dem Kriege auch zahlreich belegt wurde, ein systematisch geplanter und kaltblütig betriebener Mord auf Raten an zigtausend wehrloser Kameraden!!!

 

Diese Rachebefehle der Eisenhower, Morgenthau und Genossen, genüsslich weiterbetrieben durch die Franzosen, dürfen einfach nicht kommentarlos in den Senkkasten der Geschichte verschwinden!! Hatte der Krieg auch andere Gesetze, so durfte, als schon tiefer Frieden war, die Rache nicht an von Friedenssehnsucht erfüllten Kameradenherzen kollektiv ausgetobt werden!!

 

Wie hoffnungsvoll trat der zum Brotempfang entsandte Kamerad an das Lagertor und wie beschämend und erniedrigend empfing er dann für seine "Hundertschaft" ein einziges, später dann zwei Brote in die Hand!!!??

 

Einige Male kam aber in dieser Zeit eitel Freude auf, nämlich dann, wenn gerade ein farbiger Amerikaner das Brot austeilte!! An dieser Stelle darf ich in lobender Weise diese farbigen Amis erwähnen, denn von allen Bewachern waren nur diese und fast ausnahmslos uns gegenüber wohl gesonnen!!! Oft auf raffinierter heimlicher Art und Weise, dass ihre Vorgesetzten es nicht merkten, steckten sie uns dies und jenes zu und lachten genüsslich und ganz verschmitzt dabei!

 

Ich wurde selbst einmal als Abholer mit einem kleinen Kanten Brot mehr als die Ration beschenkt und prompt bekam dieser Schwarze Ärger mit einem weißen Vorgesetzten!!!! Ich machte mich aber schleunigst aus dem Staube, denn es sah danach aus, als sollte ich das wieder ablangen!! So konnte ich aber ein paar Krumen mehr austeilen!!

 

Ebenso spärlich ging es mit dem Trinkwasser!! Bei den Amerikanern war dieses noch einigermaßen gewährleistet, allerdings später bei den Franzosen aber war es eine Katastrophe! Oftmals war nur der Regen unsere halbwegs Rettung! Von der früheren Verpflegung her hatten wir für jede Hundertschaft einen großen Kanister zur Verfügung, um damit Wasser zu holen.

 

Bei einem dieser Wasserempfänge entstand für mich dabei eine sehr erfreuliche Situation! An der Wasserstelle wurde ich von einem amerikanischen Offizier auf deutsch beschimpft! Er tobte sich so richtig aus und gab sich als Juden zu erkennen, dessen Eltern ausgewandert wären!! Er goss mir dabei einen halben Eimer Wasser in die Hacken! Dann griff er hinter sich in den Jeep und nahm ein Stück Papier und warf mir das nach, mit der Bemerkung, ich sollte mir damit den dreckigen Hintern abputzen!!

 

Blitzschnell habe ich mir das Papier genommen, denn ich sah, das war ja eine halbe Rolle Klosettpapier! Schnell damit ab durch die Mitte, denn es ging mir durch den Kopf, du könntest ja auch darauf schreiben!! Hätte ich nun aber einen Bleistift!? So habe ich überall herum gefragt, bis ich tatsächlich jemanden fand, der ein fingerlanges Stück Bleistift sein Eigen nannte?! Er wollte aber unbedingt zwei Tagesrationen Brot dafür! Als ich ihn aber doch klar machte, dass das mein sicherer Tod wäre und dann sowieso nicht mehr schreiben brauchte, war er mit einem Stückchen Tagesration zufrieden!

 

Ach, was war ich doch glücklich! Es war im Moment etwas trocken und so habe ich tagelang ununterbrochen geschrieben!!! Ganz vorsichtig zwar, doch mit einer wahren Begeisterung habe ich alles aufnotiert was ich wusste und was mich bewegte! Auch so manchen Kameraden habe ich mit Namen notiert! Alles war gut leserlich und so habe ich die halbe Rolle beidseitig beschrieben!

 

Es wären unersetzliche Zeilen als Dokument gewesen! Alle meine Gedanken, Empfindungen, Erlebnisse!! Doch alles vergeblich, Papier und Stift haben es nicht lange überdauert!! Ein tagelanger, gewaltiger Regenguss machte alles zunichte!!

 

Es folgte nun eine Periode, in der auch ich selbst so langsam dem Ende zuging! Ich hatte vor Schwäche schon lange fast regungslos an meinem Platz gelegen, der schon lange nicht mehr in der Mitte, sondern ganz außen war. Immer wieder hatte sich nämlich auch unsere Zehnerschaft dezimiert! Das Sterben hatte auch jetzt unsere Reihen gelichtet, doch ohne dass wir dadurch mehr an Brot bekamen!! Meine Füße waren wie Eisklumpen, ich hatte sie schon längst nicht mehr gespürt, doch seltsam, dass ich dabei keine Schmerzen hatte!??! Immer lag ich auf meiner linken Seite und das natürlich im Morast!! Der Regen hatte unseren Lagerplatz dermaßen aufgeweicht, so dass meine Beine ja direkt im Schlamm liegen mussten! Völlig durchnässt und vollkommen durchfroren und das mitten im Sommer am Rhein!!!

 

Schon lange hatte ich meine Umgebung nicht mehr richtig wahrgenommen! Ebenso war an Aufstehen bei mir nicht mehr zu denken! Der Hungertyphus nahm mich nun mit Gewalt in seinen Bann! Ich kann nicht sagen, dass ich große Schmerzen hatte, doch ich spürte, dass ich nun gewaltig dem Ende zustrebte!! Ich hatte mir etwas Schlamm zusammen gehäuft und dieses schön platt gestrichen wie ein Tisch. Doch ich weiß noch sehr genau, dass auf diesem "Tisch" schon drei Tagesrationen lagen und ich lag seitlich davor und "bewachte" diese wie ein Hund, nicht mehr fähig, die Initiative zu ergreifen, um sie zu essen!!!! Ich hatte somit "abgeschaltet" und der Körper nahm nichts mehr an!!!

 

So sehr der Körper auch hier den Dienst versagte, doch geistig sind mir diese Schicksalsmomente um so klarer vor Augen!! So hatte ich, auch in meinem ganzen späteren Leben, diesen einen schicksalsschweren Satz ganz klar im richtigen Wortlaut vor Augen, als hätte ich es gerade erst gesagt:" Kameraden, teilt Euch meine Rationen, grüßt die Heimat, ich bin hinüber"!!!!!! Dieser Satz hatte sich zu jeder Zeit unauslöschlich in meinem Hirn festgesetzt, als hätte ich ihn soeben gesprochen!!! Das Letzte, welches ich noch sehr genau weiß, ist, dass ich dann anschließend über meine linke Schulter hinweg in eine links hinter mir liegende große Pfütze gefallen bin! Das waren sodann meine letzten Empfindungen!!!!


Innerhalb meines Berichtes hatte ich schon einmal betont, dass wir mit derartigen Seuchen behaftet waren! Aus diesem Grunde fuhren oftmals die LKW mit den Toten direkt zu den Massengräbern, meist waren es ja Bombenlöcher!! Es fuhren also längst nicht alle das Lazarett Kripp an, wo sie entseucht und registriert werden konnten!!! Allein dort wurden tagtäglich drei bis vier LKW hoch mit Toten beladen, allerdings waren sie dann entseucht und registriert worden!!! Von hier aus gingen sie dann nach Koblenz oder Bonn in die Krematorien!! Wenigstens diese waren registriert!! Die vielen "Direkt-Lieferungen", auch in die Bombenlöcher an der Ahr, waren es aber nicht!!!


Dieses hat mir später, erst im Jahre 199o, mein "Lebensretter" noch in tiefer Bewegtheit selbst berichtet!! Denn er war ja einer der Sanitäter im Lazarett Kripp, die dafür herangezogen worden waren!!!


Von hier aus wurden auch die Massengräber in Bad Bodendorf "beliefert" und später zum Ehrenfriedhof ausgebaut!! Er berichtete mir aber auch, dass selbst auf dem Ehrenfriedhof in Bad Bodendorf dreimal so viele Toten untergebracht sein müssten, als dort registriert sind!!!!


Hatten wir von unserer Warte, von unserem Liegeplatz im Camp, tagtäglich die Toten-Transporte gesehen, wie sie hoch oben in der Ferne über die Straßen rollten, die zur Ahr hinauf führten!!! In den kühnsten Träumen wäre mir das nicht in den Sinn gekommen, einmal selbst als Opfer so transportiert zu werden! Doch nun merkte ich ja nichts mehr und all meine Erinnerung sollte später erst im Lazarett Kripp wieder einsetzen!!!
Es geschah bis dahin alles vollkommen schmerzlos, aber meine Irrfahrt wurde von einem "Schutzengel" begleitet und auch später Gottlob wieder in die richtige Bahn geführt!!!!

 

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Text: Bernhard Friedrich Frahling


 

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