Leben

Erleben

Überleben!!

 

Ein kurzer Abriss eines 17-Jährigen von 1942 - 1945


Nachdenklich - Schicksalhaft !

von Bernhard Friedrich Frahling

 

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Teil 2

 

Dem Massengrab in allerletzter Sekunde entronnen !!!

 

Dieser eine Tag Ende Juni 1945 war meine Wiedergeburt und somit der Tag des Engel des Herrn"!! Wiederauferstanden von den Toten und dabei soeben 17 Jahre jung!! Hatte ich doch schon vorher soviel Gnade erfahren dürfen und war ausgerechnet vor dem Massengrab des Ehrenfriedhofes in Bad Bodendorf abgekippt worden. Hierhin wurden nämlich nur etwa zwei Prozent der Opfer aus den Lagern Sinzig und Remagen verbracht! Die meisten toten Kameraden kamen nach Koblenz ins Krematorium und anschließend die Asche zumeist namenlos in den Rhein!! Die anderen kamen per LKW tagtäglich in die Bombenlöcher, von denen das Ahrtal durchsiebt war!! Wenn jeweils die LKW durch die Straßen fuhren, durfte absolut kein Anwohner Zeuge sein unter Androhung sofortigen Schusswaffengebrauchs. Einige Zeugen berichteten mir, dass immer ein Erdschieber hinterdrein fuhr, um sofort alles zu planieren!!!


Ungeheuerlich, bis heute liegen dort immer noch meine schlummernden Kameraden, ohne jemals exhumiert zu sein!! Und wie makaber wächst darüber der rote Ahrwein!!


So war meine "Landungsstelle" einen Meter vor dem ersten Massengrab gleich hinter dem Eingang des Friedhofes!! Nun sollte ich also an dieser Schwelle zur Ewigkeit noch einmal von zwei Sanitätern kurz überprüft werden, bevor mit einem "Plumps" mein Dasein besiegelt würde! Einer davon schaute mich noch einmal prüfend an und entdeckte so noch ein leises Nervenzucken in meinem rechten Mundwinkel!!
Halt, er hat ja auch noch keine Leichenstarre!! In Anbetracht meiner Jugend wäre es ihm dann überkommen, so dass er mich erst einmal zurücklegte! Und er nahm mich dann tatsächlich wieder mit zurück in Richtung Lazarett Kripp!! Hier nun lagen die nächsten "Aspiranten" mitten auf der Straße in einer langen Reihe auf Warteposition!!


Zwischen diesen Toten wurde ich dann vorerst wieder "abgelegt"!! Sie sollten, bevor sie ihre letzte Reise antraten, gegen Seuchen, durch die wir ja alle dahingerafft waren, desinfiziert und besprüht werden. Denn auch ich selbst war ja befallen von Hungertyphus, Paratyphus, Rote und Weiße Ruhr und war schon vorher dreimal von Kameraden wegen Herzkollapse wiederbelebt worden!!


Außerdem hatte ich schon anfangs der Lagerzeit ein sehr nachhaltiges Erlebnis gehabt, Wir hatten in Miesenheim schon drei Tage lang weder zu Essen noch zu Trinken gehabt!! Nun sollten wir mit einem kleinen Trupp über Feldwege nach Andernach laufen! Unterwegs sahen wir in Steinwurfweite einen kleinen Tümpel! Ohne auf die Schüsse achtend, nichts wie hin! Mit sieben Mann lagen wir nun bäuchlings vor diesem Tümpel und schlürften gierig Wasser in uns hinein. Aber als wir fertig waren, sahen wir mit Entsetzen, dass der ganze Teich voller schon verwester Leichen lag!!! Fünf von uns sieben waren zwei Tage später schon tot! Wir zwei Überlebende haben uns dann wochenlang unsere jeweils 15 - 18 cm aus dem After tretenden Gedärme gegenseitig immer wieder mit dem Daumen zurückgedrängt!!! Wohlweislich dabei aber flach im Morast liegend, ohne jegliche Hilfe, doch wir lebten wenigstens noch.

 

Immerhin hatten wir Aufstehverbot, denn wir waren ja in in einem gesonderten "Strafcamp"!! Wer es trotzdem wagte, wurde rigoros niedergeschossen. Viele, namentlich ältere Kameraden, hielten das nicht mehr aus, wurden verrückt, sprangen schreiend auf!! Entweder wurden sie erschossen oder sie hingen tot im Stacheldraht!! Oft waren das alte Frontsoldaten, die lange ihre Lieben und die Heimat nicht wiedergesehen hatten!Sie endeten erschossen im Delirium!!

 

Nun lag auch ich wiederum zwischen den Toten. Da der Ami und der Franzose panische Angst hatte vor der Ausbreitung der Seuchen, sollten alle Befallenen vernichtet werden!! Zu diesem Zweck sollten wir so mit viel DDT-Pulver überhäuft und mit Desinfektionslösung besprüht werden. Bei dieser Prozedur und dem näheren Übersprühen bemerkten die Sanitäter, dass bei mir immer noch keine Leichenstarre eingetreten war.

 

Ja, ich bewegte ganz leise den Kopf! Was ich nun registrierte, war eine Wahrnehmung, die sich von nun an durch mein ganzes weiteres Leben fest verankert hat. Ich drehte langsam den Kopf nach links. Doch weiß ich noch sehr genau, dass ich lange gebraucht habe, um zu begreifen was ich nun sah!! Es war ein Schwarzer, der zwar genau wie ich flach auf der Straße lag, aber weit über einen Meter aufgedunsen war! Es war, wie man mir später im Lazarett erklärte, ein Marokkaner, der schon acht Tage im Chlorwasser gelegen war!! Dann drehte ich langsam den Kopf nach rechts. Auch hier musste ich lange studieren, um auch diesen Eindruck zu begreifen. Es war ein älterer Landser, wie mir später gesagt wurde. Es war aber kein Körper, sondern nur ein "Gerippe", nur Haut und Knochen!!

 

Diese meine Bewegung hatten die Sanitäter mittlerweile bemerkt. So wurde ich dann aussortiert und endgültig ins Lazarett gebracht! Hier nun begriff ich erst so langsam mit vollem Bewusstsein meine Lage!! Ich lag auf einer Bahre und rechts neben mir kniete ein Sanitäter und daneben ein Arzt. Das war wie eine "Götterdämmerung"! So flößten mir diese Beiden mit einem Zuckerlöffel Reisschleim ein, um zu sehen, ob der Körper überhaupt wieder etwas annahm. Dieser Körper hatte ja schon so lange keine Nahrung weder angenommen noch bekommen!! Und sie schafften es tatsächlich, ihn wieder in Funktion zu bringen!! Ja, nun hörte ich schon in vollem Bewusstsein von diesen Beiden einen sehr bedeutungsvollen Satz!! Dieser ist mir in meinem ganzen Leben so frisch und wortgetreu nachgeklungen, als wäre er soeben erst gesagt!! " Kamerad, Du hast aber außerordentlichen Dusel gehabt"!!!!

 

Und nun erzählten sie mir sehr ausführlich den gesamten Verlauf der vorhergehenden Begebenheiten!!! Und das war keine Fabel, sondern mein eigenes, schicksalhaftes Erleben, nun aber authentisch berichtet!! Was nun folgte war mir, als wäre ich von der Hölle in den Himmel befördert worden. Der Körper nahm nun wieder Nahrung an und es gab hier amerikanische Verpflegung. Zuerst wurde behutsam aufgebaut mit Reis und Haferschleim. Doch dann sah ich mich einer maßlosen Völlerei und Schlemmerei gegenüber, wie tatsächlich im Schlaraffenland!!! Eipulver, hochprozentiges Milchpulver, Reis-Puff-Brot und alle erdenklichen Köstlichkeiten der Amerikanischen Heeresverpflegung!! Leere Dosen gab es nicht, denn sie wurden mit sogar noch großen Resten einfach auf den Müll geworfen! Also hier Völlerei und ringsherum überall Verhungern!!!

 

Ich war allerdings sehr geschwächt und nicht fähig, mich auf den Beinen zu halten. Darüber hinaus waren meine im Osten erfrorenen Füße längst wieder aufgebrochen. So hatte man eine Sänfte aus Birkenholz gezimmert, in die ich eines Tages hinein gesetzt wurde. An den genauen Zeitpunkt kann ich mich nicht erinnern. Denn ich hatte schon lange jegliche Zeitorientierung verloren. Diese war für mich vollkommen zweitrangig. Mein Körper samt meiner Sinne konzentrierte sich ausschließlich auf den unmenschlichen Überlebenskampf!! Und das war bei einem Kommissbrot und einen Eimer Wasser für sage und schreibe einhundert Mann pro Tag auf Dauer aussichtslos !!! Alles "noch denken können" konzentrierte sich auf ein geistiges Überlebenstraining, indem man sich hinter dem Hundenapf zu Hause wähnte und sich im Geiste den Mund vollstopfte!! Im Traume satt zu werden, hier war es banale Wirklichkeit!!! Was scherte mich da noch, zu wissen, ob Wochentag oder Sonntag, ob Monat oder Datum !!!


Nun stellte man mich mit dieser "Sänfte" draußen vor ein Kornfeld! Es war ein blühendes Roggenfeld mit weißen, blauen und roten Blumen!! Es war reale, erlebte Wirklichkeit und keinerlei Traum, ich muss es hier deutlich betonen!! Denn im Nachhinein zu Hause habe ich mir oft überlegt, woher kam denn dieses Kornfeld, wo doch ringsherum alles abgefressen oder niedergewalzt war??? Es bleibt mir bis heute ein Rätsel !!!

 

Doch es war Wirklichkeit und für mich, da ich doch auf einem Bauernhof zu Hause war, ein doppelt freudiges Erleben!! Es war die erste besinnliche Stunde meiner wahr gewordenen Wiedergeburt! Ein herrlicher Sonnentag, vielleicht war es sogar ein Sonntag, ich weiß es nicht! Jedenfalls läuteten von Ferne die Glocken. Ich wusste, Du bist nicht in das dunkle Loch der Ewigkeit gestoßen worden. Ja, der Krieg ist aus und aller Druck dieserhalb von uns genommen worden!! Du kannst vielleicht wieder nach Hause zu den Lieben zurückkehren!?!

 

Hier, an dieser Stelle, hat mich das volle Wissen um meine Wiedergeburt völlig übermannt! Dieser Moment war so himmlisch und befreiend und war der schönste und einprägsamste Augenblick in meinem Leben!! Ich habe die Hände gefaltet und hoch geschaut, weit hoch durch die Wolken hindurch, wo ich meinen Herrgott vermutete, dem Impulsgeber meines irdischen Schutzengels und Lebensretters!! Ja, ich sah im Geiste, wie er meine Hand, die ich hoch erhoben ihm zum Danke reichte, in die Seine nahm und mir freundlich zulächelte!! Ein unauslöschlicher Moment für mein ganzes Leben.

 

In dieser Minute habe ich mir als Dank eine Verpflichtung für mein Leben auferlegt. Die außerordentliche Gnade, die mir zuteil wurde, sollte mir Ansporn und richtungweisend sein!! Der Dank an den Herrgott, an meine irdischen Retter und das Gedenken an meine sehr zahlreich neben mir elendig "verreckten" Kameraden, sollte mein Leben bestimmen!! Und zwar in einem immer sehr positiven, lebensbejahenden Denken die gebende, immer hilfreiche Hand auch anderen Mitmenschen gegenüber auszustrecken!!! Dieser heilige Augenblick gab mir neue Würde, Zuversicht und Kraft und alle Feiertage des Jahres waren hier mit einemmal zusammen gekommen!


Nach einiger Zeit, wie lange, das weiß ich wirklich nicht, hatte man mich so einigermaßen wieder aufgebaut und ich hatte tatsächlich wieder einige Kraft getankt und war auch wieder guten Mutes!! Doch mit einem gewaltigen Schrecken sollte sich alles wieder ändern!!!

 

Plötzlich stürmten drei schwerbewaffnete Poilus, es waren fanatische französische Widerstandskämpfer, rücksichtslos herein, nahmen mich in die Mitte und führten mich wieder ab!! Ins Lazarett war ich ohne Schuhe, aber mit Unterhose, Hose, Hemd, einer Weste und einen Pullover gekommen, doch hatte ich hier wenigstens Schuhe bekommen, wenngleich sie auch von einem toten Kameraden stammten! In dieser Montour musste ich nun wieder mitkommen. Ade mein zeitweiliger Himmel, es ging wieder zur Hölle zurück und das im wahrsten Sinne des Wortes!!!

 

Ich wurde nun wiederum in ein verschärftes Strafcamp gebracht, aber ein anderes als zuvor. Dieses Mal aber fast ausschließlich unter SS-Leuten, der ich aber keiner war! Meine Einheit als Spezialkompanie der Division war ja nur kommandomäßig der SS unterstellt gewesen, doch mit gefangen, mit gehangen!! Hier gingen die Grausamkeiten genau so weiter, wie vordem, ja, es wurde noch härter. Es wurde wiederum ein sehr dramatischer Überlebenskampf!! Gottlob hatte ich einige Kräfte im Lazarett tanken können, um besser gerüstet zu sein. Die Brotzuteilung betrug auch hier immer noch auf hundert Mann ein einziges Kommissbrot täglich!!!

 

Die Bewachung war verstärkt worden, es waren alle ganz junge, sehr fanatische Franzosen, Widerstandskämpfer der Resistance!! Doch welch Ironie kam auf, als selbst diese Kerle etliche Male die ganze Brotzuteilung des Camps klauten! Ob sie selbst nicht ausreichend versorgt wurden, ob sie Hunger hatten oder ob sie dieses aus lauter Schikane machten, war uns allen ein Rätsel. Als Brotempfänger und Zuteiler waren von uns extra einige Kameraden beauftragt, doch was sollten diese gegen die waffenstarrenden Poilus machen? So gab es eben an solchen Tagen überhaupt nichts!!! Die Folge davon war für uns eine weitere enorme Schwächung und vor allem jedes Mal viele Tote mehr, denn das vor Hunger und Durst zu krepieren, kam uns ja allen bedrohlich nahe!!!

 

Eines Tages , so musste es ja kommen, wurde das einigen Kameraden von uns zuviel. Die Poilus, die soeben wieder im Begriff waren zu klauen, wurden überwältigt und das wollte was heißen, da wir ja sowieso keine Waffen hatten und überhaupt kaum fähig waren, stehen zu können!! Denn wir hatten ja schon lange Aufstehverbot!!

 

Die Poilus wurden zwar verdroschen und unsere Tagesrationen gerettet, doch hatte dieser Vorfall enorme und sehr tödliche Nachwirkungen!! Es dauerte nicht lange, da kamen mehrere vollbesetzte LKW mit Poilus laut schreiend und in die Luft schießend, die Lagerstraße herauf gefahren! Vor unserem Camp sprangen sie ab und schossen nun wahllos ins Camp hinein. Es gab mehrere Tote, wie viele weiß ich nicht, denn ich hatte genug damit zu tun, mich flach in den Morast zu legen.

 

Die Toten wurden abtransportiert, die Verwundeten blieben aber liegen und ihrem Schicksal überlassen!! So ging nämlich das Sterben und das bewusste "Ausmerzen" schneller!!! Ja, sie stürmten von nun an sogar mit Bluthunden durch unsere Reihen. Was dabei an Brutalität und Totschlagen geschah, möchte ich mir hier zu schreiben gerne ersparen! Auch war nunmehr das Wasser nicht mehr jeden Tag zu haben.

 

Allerdings regnete es jetzt öfter, was uns vor allzu großen Durst schützte. Doch andererseits wurden wir dadurch aber körperlich sehr wesentlich geschädigt! Wir mussten doch fortwährend liegen und so floss das Wasser oftmals unter uns hindurch!! Man bedenke, tagelang völlig durchnässt nur auf dem Hosenboden ohne jegliche Unterlage im pappigen Schlamm zu liegen, welche Folgen das haben musste!! Ich habe im ganzen Lagerleben niemals eine Unterlage unter mir gehabt, abgesehen von einem alten Zementsack aus Papier, der nach drei Tagen aber nichts mehr taugte! Keine Jacke, kein Mantel! Über uns für zehn Mann eine einzige Decke! Da wir der Übersicht und der Zuteilung wegen jeweils zu zehn Mann in einer Reihe lagen, wurde diese Decke alle zwei Stunden über jeweils fünf Körper gezogen. Dann hieß es immer wieder, umdrehen auf die andere Seite!

 

Eines Tages habe ich einen Vorfall produziert, der sicherlich hätte mein Leben kosten können! Es hatte drei Tage lang ununterbrochen Bindfäden geregnet. Das unter mir durchfließende Wasser hatte ich mittels etwas aufgehäuftem Schlamm etwas an mir vorbei abgeleitet. Nun wurde ich mit unserem Gemeinschaftseimer zum Wasserempfang abgesandt. Es war aber schon des Abends unmittelbar vor Anbruch der Dunkelheit! Ich sah aber zu meinem Erstaunen, dass das Nachbar-Camp völlig geräumt war. Inmitten dessen stand ein Hindernis, welches ich als eine verlassene Gulaschkanone ausmachen konnte. Da es aber immer noch Bindfäden regnete, glaubte ich, meine Kameraden nicht allzu sehr enttäuscht zu haben, wenn ich nun nicht sofort mit dem Wassereimer zurückkehrte! Denn ich konnte durch eine geschickte Täuschung mit meinem Eimer aus meinem Camp heraus und ins andere Camp hinein gelangen!! Ich wähnte mich wegen der Dunkelheit ziemlich unbemerkt! Ich kann es bis heute immer noch nicht nachvollziehen, wie ich in diesen runden Topf überhaupt hinein gekommen bin!?! Wie eine Spirale habe ich mich dort hinein gezwängt und der Deckel ging wahrhaftig wenigstens zu dreiviertel über meinem Körper zu!!! Heute noch höre ich im Geiste diese wunderbare Melodie des immer noch herabprasselnden Regens auf den Deckel über mir!! Wenngleich auch gekrümmt wie ein Aal, es war ein himmlisches Gefühl, begleitet von solch herrlicher Musik, einmal im Trockenen liegen zu dürfen!!

 

Ich muss aber auch selig und fest eingeschlafen sein, denn ich wurde durch ein unheimliches Getöse und Fluchen sehr unsanft geweckt! Es war schon heller Tag und schon weit am Morgen, als anstatt des Regens nun schwere Knüppelhiebe auf mich niederprasselten!! Es war gottlob nur ein einziger Poilu, der mit einigen deutschen Kameraden mein so schönes "Himmelbett" beseitigen wollte. Er hat mich zwar fürchterlich geschlagen, jedoch war ich schon mehr gewohnt gewesen! Ich konnte sogar noch unter Mithilfe eines Kameraden meinen Eimer schnappen und unter Schimpf und Fußtritten ziemlich lädiert mein Camp erreichen!! Meine Kameraden empfingen mich zwar etwas ungnädig, aber immerhin zufrieden, dass ich zwar mit einer Nacht Verspätung, aber wenigstens mit dem Eimer heil und gefüllt zurückgekehrt war!!!


Auch hat es keinerlei Folgen seitens der Bewacher für mich gegeben?!! An diese wunderbare Begebenheit denke ich auch heute noch mit sichtlichem Vergnügen!!

 

An den folgenden Tagen fiel uns aber auf, dass weitere Camps leer waren, ja, man war schon dabei, das ganze Lagerareal zu räumen!! Außer uns war bald nur noch ein weiteres, aber halbgefülltes Camp in der Ferne auszumachen! Des weiteren sahen wir auch noch einige Zelte. Das waren wohl die Reste des Frauenlagers?!

 

Was sollte das denn wohl bedeuten und warum waren ausgerechnet wir die Letzten?!? Wo waren die Kameraden alle geblieben und was sollte denn nun mit uns geschehen?? Waren die wohl alle entlassen?? Hieran wagten wir allerdings nicht zu denken angesichts dessen, dass wir ja die ganze Zeit doppelt und dreifache Bewachung genossen hatten!! Außerdem war die fanatische und äußerst brutale Haltung der Franzosen uns gegenüber ungebremst!!

 

Wir brauchten auch nicht lange zu warten, bis sich unsere inneren Zweifel einer grausigen Realität gegenüber sahen! Statt der zu erwartenden Brotzuteilung kamen nun mehrere LKW voller schwerbewaffneter Poilus angebraust. Es waren derer zu viele, als dass es nur eine normale Wachablösung wäre! Nein, so was!! Das Verhältnis der Bewacher zu uns war zahlenmäßig plötzlich derart, dass es etwa eins zu fünfzehn betrug!! In sehr barscher Weise wurden wir aufgefordert, in Vierer-Reihen anzutreten! Mitgenommen werden durfte nichts, außer was wir gerade am Leibe hatten!!


Unter Kolbenhieben, Fußtritten und Fluchen ging der Marsch aus dem Lager heraus südwärts!! Wir sollten nicht laufen, sondern wir hätten gefälligst zu marschieren! Oh Gott, wer war denn dazu noch von uns imstande, hatten wir doch immer nur liegen müssen bei einer Verpflegung, die nicht zum Leben, aber mehr zum Sterben reichte!!

 

Viele Jahre später wurde mir von einigen der damals wenigen Augenzeugen gesagt, das wäre der "berüchtigte Todesmarsch" der letzten Häuflein aus dem Lager Remagen nach Andernach gewesen!!!

 

Es dauerte auch nicht lange, da begann sich in und um mich herum die "Hölle" aufzutun!!! Bei jedem spöttischen Blick auf einen Poilu handelte ich mir Knüppelhiebe ein!! Gar bald wusste ich nicht mehr, was um mich herum vorging, geschweige denn, wo wir waren!! Ich habe nur mit dem Kopf vorwärts nach unten geschaut und jedwedes Denken abgeschaltet! Es war mehr Unterbewusstsein als Wahrnehmung! Doch einige Male war es mir, als wenn die Straße gegen mein Gesicht geschleudert wurde, doch umgekehrt war es, ich stürzte ihr entgegen!!

 

Ein Kamerad, der schon eine ganze Weile neben mir lief, hängte sich plötzlich an meine rechte Schulter und hauchte: "Nimm mich mit, ich kann nicht mehr"!! Doch er rutschte plötzlich ab! Ich wollte ihn noch greifen, aber er wurde einen Meter neben mir mit mehreren Schüssen erschossen!!! Ich selber wurde sodann mit Knüppelhieben wieder vorwärts getrieben! Was denkt man in solchen Momenten selber? Nichts und rein gar nichts, man registriert und reagiert fast nur im Unterbewusstsein und treibt sich dabei vorwärts!!

 

Es war nur gut, dass ich im Lazarett etwas Kraft getankt hatte! Auch kam mir meine gute jugendliche Konstitution sehr vonstatten, denn viele, namentlich ältere Kameraden, hielten diese unmenschliche Tortur nicht durch!! Immer wieder hallten Schüsse und immer wieder stolperte man über Kameraden, die gestürzt waren und nun rigoros malträtiert, das heißt, mit Knüppel- oder Kolbenhieben bearbeitet und oftmals dann erschossen wurden! Diese "Moment-Eindrücke" sind mir trotz allem sehr einprägsam und unauslöschlich bis heute erhalten geblieben, denn sie hatten eine unbeschreiblich intensive "Schockwirkung"!!!


Wer diese Zeilen zu lesen gedenkt, mag ruhig seine Zweifel hegen und sie für übertrieben halten, doch jede Zeile ist pure, schockhaft erlebte Realität!! Bei jedem verächtlichen Blick zu den fanatischen Bewachern kassierte ich manchen Hieb mit Kolben oder Knüppel. Dieses steigerte
allerdings meine Wut, die mir in Trotzhaltung wesentliche Kraft zum Durchhalten verlieh!! Doch die Situation wurde nun auch bei mir langsam kritisch. Meine Beine schlotterten mehr und mehr, an Kopf und Händen und Beinen überall Beulen und Blut! Ich kann mich allerdings nicht an Schmerzen erinnern, die hat man in solchen Momenten eben nicht!!! Trotzdem habe ich dabei nicht so sehr an mich selbst gedacht, als vielmehr an meine Kameraden rings um mich herum, jedoch mehr unbewusst!!

 

Alle diese Zeilen habe ich sofort nach dem Kriege bei meinen Besuchen am "Tatort" gewissenhaft niedergeschrieben!! Dabei wurde mir von der Bevölkerung berichtet, dass dieser Marsch des letzten Häufleins von Remagen nach Andernach von jedem zehnten Kameraden nicht lebend überstanden wurde!!!

 

U.a. mir persönlich berichtet vom ehemals diensthabenden Polizeichef von Andernach!! Kein Zivilist durfte Zeuge dieses "Todesmarsches", wie er ihn nannte, sein!! Die letzten Kilometer bis ins Lager Andernach kann ich allerdings auch mit bestem Willen nicht aus meinem Gedächtnis herholen, ich muss sie vielleicht schon gänzlich im Unterbewusstsein überstanden haben! Nach den Worten des Polizeichefs wären gerade diese letzten Kilometer ungeheuer barbarisch gewesen! Denn der Zustand des inzwischen stark gelichteten "Trüppchens" wäre derart desolat gewesen und das Verhalten der Bewacher um so zynischer!!! Was mag hier wohl mit mir selbst vorgegangen sein??

 

Jedenfalls setzte meine Erinnerung erst wieder vollends ein, als ich mich total zerschunden auf dem nackten Boden liegend in unserem nunmehrigen Camp wiederfand! Es war ebenfalls ein gesondertes Camp, aber sandig und daher von unten her wenigstens trocken. Doch mein Elendszustand war unbeschreiblich, voller Beulen, geschwollener Glieder und überall Blut! Doch war ich erst einmal heilfroh, so davon abgekommen zu sein. Der Anblick meiner Kameraden ringsum war einfach grauenhaft, denn viele waren mehr tot als lebendig, so zugerichtet waren sie!! Und das alles ohne jedwede Hilfe von außen!!

 

Hierbei, ich muss es leider betonen, wurde unser Hass auf die Franzosen als Erzfeind geboren!! Nun streckte ich meine Glieder, aber wiederum schutzlos liegend. Denn wie die ganze Zeit vorher, hatte ich kein Jackett, keinen Mantel geschweige denn eine Decke! Wir wurden wiederum gruppiert, und zwar in Zehnerschaft in einer Reihe liegend, der besseren Kontrolle wegen! Und für diese Zehn gab es eine Decke, aber unter uns nichts! Somit war die Praxis genau wie vorher, im Wechsel alle zwei Stunden nachts überdeckte sie jeweils fünf von uns!!

 

Es schien jedoch die Sonne und das war für uns schon eine wesentliche Erleichterung. Heilfroh waren wir aber auch, da es nun statt für hundert Mann ein Kommissbrot, fortwährend deren zwei gab! Aber auch nur wiederum einen Eimer Wasser. Das alles war einzig die erfreuliche Seite, die andere war, dass die Franzosen nunmehr mit verstärkter brutaler Härte gegen uns vorgingen!! Wir hatten zwar kein "Aufstehverbot" mehr und durften uns auch aufrecht bewegen, doch wer konnte das denn noch von uns. Wenn ich es versuchte, wurde mir schwarz vor Augen oder meine Füße versagten ! Doch als Jugendlicher war ich allen anderen um mich herum ziemlich im Vorteil! Denn nun sehen wir, wie jeden Tag wie auch nachts immer wieder etliche Kameraden plötzlich aufspringen, wie sie irre wurden und lauthals schreiend sich der dreifachen Umzäunung nähern und sich am Stacheldraht die Pulsadern aufreißen. Es gab kein helfender Sanitäter, nein, sie wurden alle erbarmungslos erschossen!!!! Zumeist waren das ältere Kameraden, die vielleicht lange, entbehrungsreiche Frontjahre mitgemacht hatten und ihre Lieben daheim oft jahrelang nicht mehr gesehen hatten!! Sie konnten Hunger und Durst, brutale Drangsal, die Hoffnungslosigkeit und das grausame Siechtum nicht mehr aushalten. Es waren täglich derer mindest vier, die so erbärmlich enden mussten und wir konnten nicht helfen!!

 

Ich weiß, dass ich jedes Mal vor Mitempfinden aber auch vor Wut geheult habe, denn es demoralisierte uns ja selber auch! Nach dem Kriege erfuhr ich auch, dass es einen Lagerbefehl gegeben hätte, uns auf jede erdenkliche Art zu dezimieren, da wir ja die gesondert Gefangenen waren! Das war grausamer Mord auf Raten und dazu heute noch schweigen, wäre der feigste Verrat an meinen unschuldig gemetzelten Kameraden!!! Denn unsere Bewacher waren ja ausgesuchte Deutschenhasser aus der jüngeren Generation der Resistance, also fanatische Widerstandskämpfer!! Es ist darum auch gut nachzuvollziehen, dass meine innere Wut ein stärkender Faktor meines eigenen Überlebenskampfes wurde!! Die immerwährende Konfrontation mit dem immerwährenden Siechtum rief meinen Glauben an Gott und meinem Schutzengel auf den Plan!

 

Anders war mein Überleben nicht zu erklären! Ja, es gab mir sogar die Kraft und Stärke, selbst in der bittersten Situation anderen Kameraden noch zu helfen! Das war mir selbst im Angesicht des Todes immer noch ein innerer Befehl!!


Da unsere "Verpflegung" ja sowieso nicht zum Leben, sondern nur zum langsamen Sterben reichte, war es wohl verständlich, wenn wir unsere "Latrine", den "Donnerbalken", höchstens alle drei Tage aufsuchten. Doch so einen gab es nun wirklich und man durfte sogar darauf sitzen!

 

Dort sitze ich eines Tages, um zu glauben etwas zu müssen, was aber sowieso nicht kommt und neben mir ein Kamerad in der gleichen Situation! In guter Steinwurfweite war der Stacheldrahtzaun. Kurz dahinter patroulliert ein Poilu und schiebt seinen dicken Bauch vor sich her und hat in ganz unorthodoxer Weise einen Karabiner um den Hals! Ich sagte zu meinem Nebenmann: "Schau Dir das an, da läuft so ein Vollgefressener mit unseren 98 K." Da fängt mein Nebenmann lauthals an zu lachen. Der Poilu stutzt, nimmt den Karabiner in die Hand und schießt meinen Kameraden neben mir von der Stange! Ich selbst habe einen Rückwärtssalto gedreht und schlug am Latrinenrand auf! Mit mehreren andern haben wir nur noch den Tod des Kameraden festgestellt!

 

Einige Tage später ein ähnliches "Mordschauspiel"! Der Schauplatz war die Uringrube unweit meines "Lagerplatzes"! Dort standen just zwei Kameraden davor um zu urinieren, als plötzlich drei Poilus mit "Bluthunden" durch unsere Liegereihen stürmten. Sie schubsten diese Kameraden in die Uringrube. Dann pflanzten sie ihre Bajonette auf die Karabiner und tauchten diese beiden solange unter, bis keiner mehr etwas rührte. Unter Gejohle machten sich die Poilus aber nun von dannen. Wir konnten tatsächlich einen der Kameraden wiederbeleben, der andere allerdings war im Urin ertrunken!!

 

Solche "Meuchelmorde" haben mich jedes Mal tief bewegt, doch jedes protestierende Aufmucken wurde immer mit Kolbenhieben "belohnt"!! Denn dazu kamen sie nun laufend und gemein provozierend sogar mit Bluthunden durch unsere Reihen gestürmt und hatten sogar sichtbar frenetisches Vergnügen dabei!!

 

Einige Tage später sollte ein weiterer Vorfall meinen inneren Aufschrei zum unvergessenen Höhepunkt treiben! Es hatte schwer geregnet und nun wurde ich für unsere Hundertschaft mit einem Eimer zu Wasserholen abgesandt. An der Wasserstelle war plötzlich heller Aufruhr! Mehrere Poilus schlugen einen Kameraden von uns auf ungemein brutaler Weise zusammen. Dann packten sie ihn und warfen ihn in ein etwa einen Meter tiefes Loch, mehr eine Bodensenke, aber mit breiigem Morast gefüllt! Mit sieben oder acht von uns mussten wir uns im Halbkreis drum herum stellen und mit ansehen, wie unser Kamerad auf dem Rücken liegend, ganz langsam im Morast tiefer sackte! Jeder von uns hatte einen Poilu hinter sich, der uns seine Waffe in den Rücken drückte!! Das war das Gemeinste, was ich je erlebt habe! Ich sehe noch heute, wie er dort liegt, unfähig etwas zu sagen und nur mit den Augen uns bittet, helft mir doch!! Langsam, ganz langsam kroch ihm der Morast über den Körper, bis er über Mund und Nase über seinem Kopf vollends zusammen schlug!!!


Ja, nun habe ich das geschrieben, wie konnte ich das nur schreiben??? Noch heute halte ich mir in schmerzlichen Gewissensbissen vor, nichts unternommen zu haben!! Warum schreckte mich denn in diesem Moment der Gewehrlauf in meinem Rücken?? Allein der letzte Blick in die Augen dieses hilflosen Kameraden gibt mir die moralische Verpflichtung dieses in die Welt hinauszuschreien, selbst wenn es als Horror keiner versteht. Zu Hunderten habe ich Kameraden um mich sterben sehen, doch eine solch brutal-gemeine Demütigung geht tief nachhaltig in die Erinnerung ein!!

 

Dabei hatte dieser Kamerad, wie wir später erfuhren, nur von der Wasserstelle statt einen nun zwei Eimer Wasser holen wollen!! Also, um seinen Kameraden nicht nur eine Freude machen zu wollen, nein, um damit weitere Kameraden vor dem Verdursten zu retten!!

 

Ein weiteres, erwähnenswertes Erlebnis im Lager Andernach spiegelte diese Fürsorge, zu meiner Genugtuung im Nachhinein, recht deutlich wieder! Wiederum war ich zum Wasserholen delegiert, hörte ich von einer Gruppe, die aus einem benachbarten Camp kamen, dass sie in meiner Heimatsprache, also Plattdeutsch sprachen!!!

 

Ich erfuhr, dass sie aus einem Dorf im Münsterland kamen! Auf die Frage, ob denn auch welche aus meinem Heimatort zugegen wären, sagten sie, ja es wären derer vier! Spontan riskierte ich dann, bei dieser Gelegenheit, für einen Moment mein schwer bewachtes Camp zu verlassen, allerdings mit List, um in das besagte Camp hinein zu kommen. Dieses Camp war ein einfach bewachtes und es herrschten dort, im Vergleich zu uns, paradiesische Zustände. Hier konnte man wortwörtlich von Verpflegung sprechen und man durfte sogar Löcher buddeln!

 

In einem dieser Löcher hausten tatsächlich vier Mann aus Borghorst! Es waren Rudi Kraß, Gustav Holz, Franz Albersmann und Hubert Zumhasch!! Mir lief das Wasser im Mund zusammen ob des im Vergleich zu uns feudalem Leben. Ich bekam sogar ein Stück Brot von ihnen und sie flehten mich an, doch bei ihnen zu bleiben!! Doch so sehr sie mich dazu drängten, sie konnten mich nicht überreden!!! Nein, ich musste und ich wollte zu meinen Kameraden zurück!! Es war aber auch höchste Zeit, denn der Posten hatte mich auch schon im Visier. Es war nämlich derselbe, der mich vorher hatte passieren lassen! Das war mein Glück und so konnte ich mit meinem vollen Eimer wieder zu meinen Kameraden gelangen!

 

Trotzdem ich ja nun wieder in der "Hölle" war, war ich sehr froh darüber! Es wäre doch ein schändlicher Verrat gewesen, hätte ich meine Kameraden um den Eimer Wasser betrogen, denn der war für hundert Mann bestimmt und hatte eine Markierung!! Sie hätten ja vorerst keinen anderen zur Verfügung! Ja, ein solcher Kameradenbetrug hätte sogar etlichen das Leben gekostet, denn der Durst war ja schlimmer als der Hunger!! Ich wäre also mein ganzes Leben lang von meinem Gewissen verfolgt worden!! Es war eine Entscheidung der Ehre und ich war mir selber dabei treu geblieben! Denn immer habe ich versucht, das schöne Wort "Kamerad " mit all seiner Bedeutung mir stets aufs Neue zu verdienen!!!

 

Noch heute empfinde ich im Nachhinein zu dieser und anderen selbigen Entscheidungen eine zufriedene Genugtuung!! Man bedenke, dass alle meine Kameraden rings um mich herum, mit einer Handvoll Ausnahme, ältere, verdiente Frontsoldaten waren, zu denen ich als Jugendlicher eine besondere Verpflichtung empfand!!


Vielleicht war es auch eine Fügung Gottes, dass es gar bald darauf eine Belohnung geben sollte!! Denn plötzlich inspizierte der französische General Koenig das Lager und kam auch in unser Camp! Wir waren ja nur ein paar Jugendliche, aber wir wurden heraussortiert und kamen in ein anderes, kleines Camp!! Dort erfuhren wir, dass alle Jugendliche entlassen würden!!! Kaum zu glauben, nach all dem, was soeben noch an Schikanen und Entbehrungen hinter uns lag!!

 

Ich weiß nur nicht, ob die Freude meine Wehmut überspielte beim Verlassen meiner "Schicksalskameraden"??!? Meine Gefühle taumelten gänzlich durcheinander! Alles bis hierhin tragisch/schmerzvolles "erleben müssen", sollte das nun wirklich in ein freudiges "erleben dürfen" hinüberwechseln??! Es war abrupt der neuen Eindrücke zuviel, die nun das verstandesgemäße Begreifen lähmten!!

 

Ich kann mich auch nicht erinnern, ob ich mich von meinen Leidensgenossen in irgend einer Weise verabschieden konnte oder verabschiedet habe??! Es war wie ein Traum, als ich durch das Lagertor humpeln durfte, immer noch nur halb bekleidet, ohne Jacke, Mantel oder Decke! Ich weiß aber, dass ich mich immer wieder umschaute, ob ich nicht doch wieder von neuem "geschasst" wurde!!! Und das war nicht abwegig, wie es sich noch zeigen sollte!

 

Vor dem Bahnhof stand das Rote Kreuz mit einem Stand! Hier konnte ich das erste Mal herzhaft und mit vollen Backen in ein Butterbrot beißen und einen warmen Tee schlürfen!! Doch diese Leute betonten aber auch zugleich, dass sie in jeder Weise von den Franzosen gehindert würden, uns auf den rechten Weg zu helfen!!! Wir sollten keineswegs über befestigte Straßen und Wege laufen, überall wären französische Streifen unterwegs, die vor nichts zurückschreckten!!!

 

Über dem Bahnhof wohnte ein älteres Ehepaar, bei denen ich mich das erste Mal etwas waschen konnte und auch etwas zu essen bekam! Doch damit musste ich vorsichtig sein, denn mein Magen war ja keine große "Verarbeitung" mehr gewohnt!!

 

Mein Nachtlager auf dem Sofa dieser Leute war zwar kurz, aber von der Hölle in den Himmel versetzt zu werden - ich genoss es zwar, aber begreifen konnte ich das nicht, das war einfach zuviel!! Darum hatte ich auch wohl keine Ruhe, es drängte mich einfach weiter! Kleider evtl. für mich hatten diese Leute auch nicht, ich habe auch nicht darum gefragt. Denn die Franzosen hätten alles rigoros abzugeben verlangt. So machte ich mich auf den Weg, nicht ohne auch von diesen Leuten ausdrücklich gewarnt zu werden!

 

Bei diesen Worten fiel mir auf, dass ich nicht einmal einen Entlassungsschein bekommen hatte!!! Ja, es fiel mir nun angesichts dieser ausdrücklichen Warnungen sogar ein, dass wir bei der Entlassung sehr massiv bedrängt wurden, für den Eintritt in die französische Fremdenlegion zu unterschreiben!! Das alles kam für mich ja ganz sicher nicht in Frage!! Auch wurde uns gedroht, im Ablehnungsfalle in die französischen Kohlenbergwerke zu kommen!!! Mit einem Schlage wurde mir nun klar, dass dieses sogar massiv alternative Drängen die Ursache dafür war, dass mich beim Durchschreiten des Lagertores das ungute Gefühl beschlich, wieder "geschasst" zu werden!!!!


So schlug ich mich des Morgens früh mit einem mir vorher unbekannten Kameraden "in die Büsche"!! Wir gedachten, durch die Wälder des "Rhein-Höhenweges" in Richtung Heimat zu gelangen! Mein nunmehriger Kamerad kam aus Olpe!

 

Doch schon an der nächsten Wegebiegung kamen uns zwei ältere Männer entgegen, beide nur mit Unterhosen bekleidet! Sie wären zu Viert gewesen und von einer französischen Streife angehalten worden! Sie mussten beide ihre Kleider abgeben, jedoch die beiden Jüngeren von ihnen hätten die Franzosen einfach mitgenommen!!!

 

Etwas weiter hinter einer Mauer schauten zwei Frauen hervor und kamen ganz verängstigt auf uns zu. Sie wären unten am Lagerzaun gewesen! Die eine Frau war um Mitte vierzig, die andere war ein junges Mädchen , beide aus der Kölner Gegend. Beide vermuteten, dass ihre Angehörigen, bei der einen der Mann, bei der anderen der Vater, dort im Lager einsäßen!! Sie wären aber durch Schläge und Androhung von Vergewaltigung brutal vertrieben worden! Sie hätten solche Furcht, ob sie sich nicht uns anschließen könnten? So beschlossen wir, uns tagsüber möglichst zu verstecken und des Nachts die Wege zu benutzen.

 

Im Nachhinein muss ich heute sagen, waren die nun folgenden Tage, besser gesagt Nächte, eine sehr sehr romantische Angelegenheit, wäre da nicht der berechtigte, Furcht einflößende Hintergrund!!! Wir haben sogar einmal richtig an eine Klosterpforte geklopft, ich weiß nur bis heute noch nicht, wo das genau war!?! Wir bekamen dick belegte Brote gereicht und wurden angewiesen, in welche Richtung wir laufen sollten!! Dabei wurde uns klar gemacht, dass wir ziemlich aus der Richtung gekommen waren!

 

Es hat etliche Nächte gebraucht, bis wir uns endlich aus den Büschen heraus wagten! Dort war ein Mann bei der Gartenarbeit und wir sahen eine Straße, auf der englische Militärfahrzeuge fuhren! Dieser Mann erklärte uns, kommt man ruhig hervor, hier seid ihr in Sicherheit, hier ist die englische Zone! Und von diesem Mann bekam ich sogar einen Mantel! Es war der Mantel eines Flaksoldaten, den er über einer Stange als Vogelscheuche hängen hatte! Er war mir zwar drei Nummern zu groß, aber er wärmte wenigstens!!

 

Hier haben wir uns dann gegenseitig verabschiedet und bei uns allen kehrte eine große Freude in einer endlichen Geborgenheit ein! Dieser Mann belehrte uns auch über unser Weiterkommen! Drunten auf der Straße hielt ein deutscher LKW, der Fässer mit Wein geladen hatte. Der Fahrer lud mich ein, zwischen den Weinfässern gesetzt mitzufahren! Er musste nach Mühlheim/Ruhr! In Wuppertal-Steinbeck setzte er mich ab, wo ich dann auf den dortigen Bahnsteig des Bahnhofes gelangte. Hier mitten auf dem Fußboden des Bahnsteiges legte ich mich sodann zur Nachtruhe hin! Man sagte mir, dass sehr wahrscheinlich am andern Morgen hier ein Kohlenzug halten werde. Eine Rot-Kreuz-Schwester gab mir etwas Tee und ein Marmeladen-Butterbrot. So schlief ich selig ein, unter mir nur den Steinfußboden, aber über mir wenigstens den weiten und wärmenden Mantel!! Das war wieder eine wohltuende, himmlische Nacht!!

 

Und tatsächlich kam bei Tagesanbruch dieser Kohlenzug und hielt auch an. Auf jedem dieser Waggons saßen viele Männer und Frauen direkt auf den Kohlen, um ebenfalls irgend wohin zu gelangen!! Es war eine herrliche Fahrt auf den offenen Waggons, bis wir irgend wann in Bielefeld landeten,. Von hier aus fuhr wiederum ein Zug nach Münster. Diese Waggons hatten je ein Bremserhäuschen. In eines dieser habe ich mich einquartiert und gelangte auch bis Münster!

 

Hier in Münster war es für mich ein grausiger Anblick, denn die vorher so schöne und vertraute Stadt lag nun weitgehend in Schutt und Asche. Förmlich zwischen Schuttbergen hindurch musste ich mir den Weg zur Steinfurter Straße suchen! Hier ausgangs der Stadt traf ich einen Bekannten aus meiner weiteren Nachbarschaft in Borghorst!! Von ihm konnte ich dann erfahren, dass bei uns Zuhause alles in Ordnung und auch mein ältester Bruder längst wieder zu Hause wäre.

 

Ein Arzt-Wagen aus Burgsteinfurt, mit dem man ein krankes Kind nach Münster gebracht hatte, hielt an und mit ihm kam ich so nach Borghorst! Doch ich wollte gern ungesehen von hinten über unsere Kuhweiden zu meinem Elternhaus gelangen. Der Erste, der mich schon von Weitem ausmachte, war mein getreuer Hund! Und weil der in seiner großen Freude ein Palaver machte, wurde auch meine Schwester Uli aufmerksam und somit meine ganze Familie! Nun waren wir, außer meinem Lieblingsbruder Alex, der in Polen gefallen war, wieder komplett. Doch auch ich hatte meinen Anteil an diesem gar unseligen Krieg mit mir herumzutragen, so ich später noch berichte!!!

 

So sehr ich mich nun auch Zuhause fühlte, doch in meinem Innern war ich das wohl noch lange nicht! Ich war, wenn es ums Erzählen ging derart schweigsam. So habe ich meinen Eltern und Geschwistern niemals von der Härte des wirklichen Erlebens erzählt! Und wenn mein Bruder zu berichten wusste, schlich ich mich leise von dannen! Ich weinte innerlich!!


Die ersten Nachkriegsjahre waren ja geprägt vom "vergessen wollen"! Wir waren doch die sogenannten Verbrecher, ohne dass ich so etwas gewesen wäre und mein Gewissen damit belasten musste!!! Aber die Sieger hatten zu allem ein Recht und alles, was sie an uns an Rache statuierten, hatte ja nicht stattgefunden und nicht wahr zu sein!! Dieses Erleben, ja diese Verbrechen mögen heutzutage wie Horrorgeschichten klingen!! Sie sind aber ein Schrei, ein Schrei, der nicht verstummen darf wenn Gerechtigkeit Geltung haben sollte!!! Den ich aber ausstoße nicht um meiner Willen!!

 

Für die heutige Gesellschaft ist so manche Wirklichkeit unwirklich geworden und manches Erinnern, ja manches würdige Gedenken für die heutige Generation eine "üble Last"!!! Eine Last, die sie gar nicht mehr zu meistern gedenkt und vielfach auch dazu nicht mehr in der Lage ist!!

 

Alles das habe ich als siebzehnjähriger junger Mensch schon erleben müssen und ist in seiner ganzen Schilderung die reine Wahrheit!!! Wobei ich zugeben muss, so manches als zu junger Mensch überhaupt nicht richtig begriffen zu haben!! Vieles aber verdanke ich meiner Jugend, meiner guten Konstitution von Zuhause aus, sowie einer unbändigen Zähigkeit, die auch vom Kopfe ausging!! Mein großes "Überleben" aber verdanke ich dem Herrgott, der mir im wahrsten Sinne des Wortes einen sehr guten "Schutzengel" beigegeben hatte!!!

 

Es war sicher auch der Lohn für meinen tiefen Glauben, den ich nie verloren habe!! Das waren auch weiter meine Gedanken im ganzen Lagerleben, wobei ich mich immer verpflichtet fühlte, für andere mit aller Kraft einzutreten und das Wort "Kamerad" in seiner schönsten und tiefsten Bedeutung umzusetzen!!!


Es war also ein intensiv kompaktes Erleben, ohne es gesamt richtig zu überschauen und zu begreifen!! Gerade sechzehn Jahre und schon Füße erfroren, gerade erst siebzehn und durch die "Hölle eines Straflagers" zu müssen!!! Das große Erwachen konnte ja darum erst nach dem Kriege in das Gehirn eines so jungen Menschen dringen!!! Man wurde buchstäblich davon befallen!! Es war der Beginn eines "Traumas". Eines schockartigen Nachleidens und Nachempfindens!!!!

 

Wie magisch innerlich verpflichtet, bin ich nach dem Kriege jedes Jahr mehrmals mit dem Zug zum Ort des Geschehens gefahren, denn ich "musste" zu meinen Kameraden, die tagtäglich wortlos neben mir elendig "krepiert" waren!! Es war ihr Ruf und mir Verpflichtung!!!! Mit einem dort geliehenen Fahrrad bin ich dann tief bedrückt alle Winkel abgefahren, wobei ich oft stundenlang verharrte und mir meine Notizen machte!!

 

Kam ich dann wieder nach Hause, war ich meist acht Tage total benommen und zu nichts zu gebrauchen!! Und wenn dann im geselligen Kreis andere fröhlich waren und die alten Lieder sangen, schlich ich mich abseits in die Natur und heulte und heulte!!! Ich habe mir nie erklären können, warum ich bei jeder Gelegenheit weinte???

 

Und wenn ich dann, ich muss sagen vorwiegend sommertags, mit meinen erfrorenen Füßen in der Küche im Backkasten hing, kam meine Mutter und schimpfte!! Doch sie wusste ja von nichts, ich hatte ja nie etwas davon gesagt! Und so konnte auch mein Vater sich nie erklären, warum ich als Bauernjunge jedes Jahr mehrmals wegen meiner Magen- und Darmgeschwüre im Krankenhaus lag. Auch alles körperlich Erlebte kam nun zutage!!

 

Erst viele Jahre später ist mir ein Licht aufgegangen!!! Es war die "Traumata" meiner selbst!! Eines sich in den jungen Jahren aufgespeicherten Erlebens, welches nur erlebt, aber überhaupt nicht innerlich verarbeitet war!!!! Ein kompaktes Kriegsleiden also, welches mich durch das ganze Leben begleitet hat!!!


Eines jedoch erfüllte mich auch damals mit großer Trauer! Hatte ich doch in den beiden Sanitätern tatsächlich lebendige "Schutzengel" gehabt!!! Ob ich diese wohl jemals ermitteln könnte??? Ich hatte es schon auf verschiedenen Wegen versucht, doch alles vergeblich!!


Darum war ich hoch erfreut, als durch den hochverehrten Bürgermeister Kürten die "Erinnerungs-Bewegung" ins Leben gerufen wurde!!! Vielleicht würde es möglich sein, alte Kameraden aus den Leidenscamp wieder zu treffen?? Insbesondere suchte ich ja meine beiden Retter!! Denn sie waren doch Sanitäter gewesen und dafür müsste es doch auch Hinweise geben!!?? Doch alle mögliche, intensive Suche sollte vergeblich sein!??! Selbst bei den nunmehr stattfindenden Treffen mit Handzetteln und Mikrofon-Durchsagen war nichts zu machen!!!


So stand ich wiederum beim Treffen am 21. November 1993 auf der Bühne der Rheinland-Halle zu Remagen am Mikrofon!!! Plötzlich klopfte jemand auf meine Schulter und sagte: "Kamerad, ich weiß von dieser Begebenheit! Das waren mein Sanitäter-Kamerad und ich!!!! Wir beide haben angesichts Deiner Jugend noch etwas genauer hingeschaut und auch festgestellt, dass Du noch keine Leichenstarre hattest!!!! Ich erinnere mich noch sehr genau, denn ich habe auf gleicher Weise einen Kameraden aus meiner Heimat gerettet! Ich komme aus Wien und wir Österreicher haben bisher nicht gewusst, dass solche Treffen stattfanden!! Doch ich weiß inzwischen, dass wir meinen Kollegen und den Arzt nicht mehr suchen brauchen, denn beide sind von den Franzosen liquidiert worden, weil sie zuviel wussten!!!! Ich selbst bin zeitig gewarnt worden, sonst wäre mir dasselbe auch
passiert!!!" -


Dieser Kamerad war Josef Peter Czerny aus Wien (Adresse aus Datenschutzgrünen entfernt - Anm. d. Red.). Ausführlich haben wir sodann unsere speziellen Erfahrungen ausgetauscht, er hatte dabei noch eine sehr konzentrierte Erinnerung und wusste mir noch Einzelheiten zu sagen, die mich sehr tief beeindruckten!! Ich fand dabei nicht nur meine bisherige Erinnerung bestätigt, sondern, dass es noch viel grausamer gewesen sei!!!


Er berichtete, dass sie im Lazarett Kripp jeden Tag drei bis vier LKW voller Leichen beladen hätten! Diese wären teils ins Krematorium gefahren, sehr viele aber auch einfach in die Bombenlöcher entlang der Ahr!! Viele davon wären aber ohne identifiziert zu werden, einfach mit Kalk, mit DDT und Chlor überspritzt abtransportiert worden!! Denn die Amis und Franzosen hätten panische Angst gehabt, von den Seuchen, von denen die meisten Toten ja befallen waren, infiziert zu werden!!! Allein bei den in Richtung Bodendorf transportierten, hätte man glatt eine "Null" vergessen!

 

So sind wir beide im Anschluss dieses Treffens im PKW und jeweils mit der Kamera bewaffnet, alle markanten Stellen des ehemaligen Lagers abgefahren. Das war für uns beide eine sehr aufwühlende, ja herzergreifende Angelegenheit!! Besonders an der Schicksalsschwelle des Massengrabes in Bad Bodendorf!! An dieser besagten Schwelle standen wir nun und reichten uns die Hand!! Dieses hat seine Frau im Bild als unvergleichliches Zeitdokument festgehalten!! Dieses "Dokument" überstrahlt bei Weitem alle Erinnerungen als den Moment der schicksalhaften Eingebung Gottes!!!!

 

Auch sein Hauptarbeitsfeld, das Lazarett Kripp, welches er als beispiellose "Sterbefabrik" bezeichnete und welches fast halb eingenommen wurde von der Desinfektionsabteilung!! Ferner die Straße davor, welche als Sterbeablage und zur rigorosen Desinfektion diente!!! Massenweise Chlorkalk und DDT wurden hier einfach über die Leichen geschüttet und diese nur sporadisch gezählt!!

 

Er bemängelte auch sehr verbittert, dass über diese tägliche Praxis nichts, aber auch rein gar nichts an Überlieferung von den Amis und vornehmlich von den Franzosen als Dokument für die Nachwelt erhalten geblieben ist!! Alles hätte man vernichtet oder mitgenommen, als hätte dieses alles überhaupt nicht stattgefunden!! Selbst die Bürgermeister der betroffenen Städte bemängeln diese heute noch in sehr trauriger Weise, aber zeitgemäß nur in dezent gehaltener Wut!!!!!


So haben wir von allen dieser, uns und mich betreffenden wie auch durchlaufenden Stationen exakte Photos gemacht, auch als Beleg für spätere Aufarbeitung!!!


Mit diesem meinem Retter verband und verbindet mich darum vielmehr als nur ein herzliches "Dankeschön"!! Dieses komplexe Geschehen hatte nun seine lückenlose Aufklärung gefunden!! Doch dieses später jemals der Welt zu erzählen, so waren wir uns beide einig, wäre eine viel zu abenteuerliche Geschichte gewesen, die niemand glauben würde und wäre als Phantasterei eines Krimi-schreibenden Autors bezeichnet worden!!!


So habe ich zwei Bekannten aus Borghorst, die früher ebenfalls im Lager Remagen, allerdings im weiteren Areal des Lagers, gewesen waren, gebeten, doch auch zu unserem nächsten Treffen am 17. Juni 1995 zu kommen!!! Diese erschienen dann auch mit ihren Ehefrauen!! Es waren Paul Blankemeyer und August Gövert!!

 

Sodann bat ich meinen Freund und Retter Josef Peter Czerny sich doch mit diesen zusammen zu setzen und ihnen zu berichten, was sich damals in Wirklichkeit zugetragen hatte!!!! Das ist dann auch ausführlich geschehen! Um aber eine verbriefte Glaubwürdigkeit zu erlangen, bat ich diese, das so Gehörte mit ihrer Unterschrift zu dokumentieren! Diese Bestätigung befindet sich im Original in meinen Akten!!

 

Somit fand meine ganze komplexe Erlebensgeschichte im Nachhinein einen authentischen Stempel der Wahrheit!!!!Es ist darum kein Roman, bei dem man nur Phantasie braucht, um etwas zu konstruieren, sondern "nur" Echtheit der Realität!!!!


Mein Kamerad und "Schutzengel" Peter Josef Gzerny hatte sich aber auch bei seinen heroischen Bemühungen um tote Kameraden selbst infiziert und hat sein Leben lang schwer daran getragen!! Doch auch ihn haben die späten Auswirkungen der Seuchen hingerafft, so dass er 1997 an diesen Folgen in Wien gestorben ist!


Ehre seinem Gedenken - er war ein Held und mir unvergesslich!!!!!!


So saß ich nun beim Treffen am 19. 7. 1997 mutterseelenallein auf der Bank unmittelbar neben dem Massengrab am Friedhof Bad Bodendorf!! Allein, ohne meinen Freund und schaute gänzlich gedankenverloren auf das Grab und die Stelle davor, an der wir beim letzten Treffen noch gemeinsam gestanden waren!!

 

Plötzlich traten vier Damen gesetzten Alters auf mich zu und fragten, ob ich Bezug zu diesen Gräbern hätte?? Sie hörten mir dabei sehr verständnisvoll zu!! Dann erklärten sie mir, sie wären mit einer größeren Gruppe hier und kämen alle aus den verschiedenen Orten entlang der Ahr!!!

 

Sie hätten damals des öfteren versucht, an das Lager zu gelangen, um Essbares über den Zaun zu werfen und evtl. andere Insassen zu befragen! Man hätte sie aber immer wieder sehr brutal verjagt!! Sie hätten hohe Vermutungen gehabt, dass auch ihre Männer dort im Lager sein könnten!! Doch sie hätten von ihren Männern bis heute nichts gehört!! Sie fragten mich, ob ich vielleicht etwas Näheres wüsste??! Sie erzählten mir auch, es wäre auch gerade für sie sehr schrecklich gewesen, wenn tagtäglich die Transporte mit Toten über die Straßen der Ahr gefahren sind!! Hinterdrein wäre immer ein Erdschieber gefahren! Kein Mensch hätte Zeuge sein dürfen, es wäre rücksichtslos in die Fenster geschossen worden!! Es wäre allseits bekannt gewesen, dass so die Bombenlöcher befüllt und sofort wieder planiert würden, doch es hätte niemand etwas sagen dürfen!!!

 

Dasselbe erklärte mir parallel dazu ein Lehrer, der unweit des Friedhofes wohnte und gerade vor seiner Tür stand, als ich ihn darauf ansprach!! Ein anderes Mal sprach ich anlässlich eines weiteren Besuches am Friedhof mit zwei dort anwesenden Frauen über diese grässliche "Entsorgungs-Praxis" und bestätigten mir das ebenfalls!!! Diese gaben mir bereitwilligst ihre Adressen, welche ich in meinen Akten habe!!


Warum schreibe ich das nun alles, welchen Zweck soll es haben, da die heutige Zeit doch davon nichts wissen will, ja, sie mutwillig und oft vorsätzlich mit dem Mantel des Totschweigens zudecken will!!!


Unter solchen Aspekten fragt man sich, warum musstest du das denn alles mitmachen??? Was könnte man mir denn schon vorwerfen?!? Mir, einem jungen sechzehnjährigen Menschen!??!


Wohlbehütet und wohlfundiert in einer bodenständigen Bauernfamilie mitten im Münsterland bin ich aufgewachsen! Nicht beeindruckt und beeinflusst von der alles bestimmenden Ideologie der damaligen Zeit!! Im Innern bestimmt vom Glauben an Gott und gefestigt von der stets prägenden Erziehung meines Elternhauses!! Dass man den Dienst am Vaterland antreten musste, dafür gab es kein Zurück!! Und gerade dieser Moment steht in der vorurteilsstrotzenden Kritik der heutigen Generation, die all dieses nicht miterlebt hat und gut daran täte, den unumkehrbaren wie unheilvollen Opfergang meiner gesamten Generation nachdenklich zu würdigen!!! Ich selbst bin niemals ein Freiwilliger, aber dafür um so mehr ein Leidtragender gewesen!!!!

 

Die Lehre aus meiner so demolierten Jugend war mir ein Fanal dazu, nämlich um so mehr dafür einzutreten, dass meine Nachfolge-Generation es besser haben sollte und möglichst vor gleichem Unheil geschützt werden müsse!!! Dazu gehört aber auch die Ehre und Würdigung der vorherigen Katastrophen-Erfahrung!!! In meiner Familie ist diese Erfahrung objektiv und verständnisvoll durchgearbeitet und auch als meine vermächtnishafte Mahnung festgeschrieben!!!


Wagt man dann aber, etwas davon in der Öffentlichkeit zu bewegen, kann man erleben, dass man das wahre Gesicht der heutigen Zeit als verlogene Fratze kennen lernt, und zwar im völlig realitätsentstellenden Vorurteil!!!


So habe ich mich vor ca. 15 Jahren an die Bild-Zeitung gewandt und auf die so unwürdig schlummernden Kameraden an der Ahr aufmerksam
gemacht!! Diesem Geschichtsverdreher genügte nur eine einzige Antwort!! Bitte: "Es ist ja schon soviel Zeit darüber hinweggegangen, wir haben daran heute kein Interesse mehr"!!??!


Zu einem Kommentar dazu bleibt mir allerdings das Wort im Halse stecken!!!


Noch viel schlimmer kommt es, wenn man den Heuchelapparat der Frömmigkeit bemüht, dem leider so viele Fernsehzuschauer anheim fallen!! Habe ich doch vor ca. zwei Jahren den Fernseh-Heuchelpastor angeschrieben: "Ich habe heillose Wut darüber, dass so viele meiner Kameraden an der Ahr so elendig verbuddelt und so der Schweigsamkeit der Ewigkeit übergeben wurden"!!! Die Antwort darauf: "Ich sollte meine Wut lieber an meinem Kopfkissen auslassen" !!!!!! Ich verweigere mich, darüber nachzudenken -- Herrgott - Jesus - Amen!!!

 

Bei all dem nicht enden wollendem Negativum meines Berichtes gibt es zum Schluss doch noch etwas Angenehmes zu berichten!


Bei unserem Treffen 1995 konnten erstmalig viele Kameraden aus der ehemaligen DDR zugegen sein! Das war eine sehr schöne und auch sehr wohltuende Bereicherung der ganzen "Erinnerungsbewegung"!!

Alle Wege, die bis dahin so sehr verbaut waren, wurden hier in einem sehr herzlichen Miteinander wieder aufgeschlossen!! Es war mit
einem Mal, als wenn die ganze Gesellschaft eine bisher nie Fröhlichkeit und Herzlichkeit im intensiven gegenseitigen Austausch erfahren hätte! Dabei lernte ich auch meinen Freund Heinz Adler aus der Reicker Straße 90 in Dresden kennen! Er hatte mit mir den seinerzeit berüchtigten "Todesmarsch" von Remagen nach Andernach mitgemacht!! All das von mir dazu berichtetes Geschehen wurde von ihm in allen Teilen bestätigt und es war eine sehr erhebende und zu Herzen gehende Aussprache! Alle furchtbaren Szenen dieser so unmenschlichen Dramatik kamen wieder hoch!!

 

Wir sind bis heute darum auch gute Kameraden geblieben, denn es sind ja nur noch wenige, die das bis heute überlebt haben!! Wir sind uns in dem Bestreben einig, die Erinnerung an diese gemeinsamen Erlebnisse nicht nur auszutauschen, sondern der Nachwelt als reales Zeitgeschehen und vor allem als Mahnung an die Zukunft festzuschreiben!!!


Geschichte kann nur Bestand haben, wenn Positivum und Negativum zur neutralen, objektiven Bewertung gleichermaßen der Zukunft zur würdigen Handhabung anvertraut werden !!!


Die Ehre der Vergangenheit und die Mühen der Gegenwart ergeben den Wert der Zukunft !!!!!


Zur Erinnerung an meine Kriegsgefangenschaft 1945 in Miesenheim - Andernach - Sinzig und Remagen!!!
Meinen toten Kameraden in dankbarem Gedenken gewidmet !!!


Zur Vollendung meines achtzigsten Lebensjahres am 26. November 2oo7


Bernhard Friedrich Frahling

 

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Text: Bernhard Friedrich Frahling


 

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