Leben

Erleben

Überleben!!

 

Ein kurzer Abriss eines 17-Jährigen von 1942 - 1945


Nachdenklich - Schicksalhaft !

von Bernhard Friedrich Frahling

 

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Nachwort zur "Traumata - Bewältigung" !!!

 

Ja, nun habe ich diesen Bericht geschrieben, wie konnte ich das nur, es erstaunt mich selber!!!

 

Mein ganzes Leben lang war ich mit diesem Druck behaftet! Darum muss im Nachhinein noch unbedingt etwas gesagt werden!

 

Es ist ja nicht nur, dass man so etwas erlebt hat, sondern, wie es erlebt werden musste. Und gerade das bewirkte die immerwährende Nachhaltigkeit durch mein ganzes Leben!


Es war der Zwang der damaligen Zeit, der einem hier schon als Vierzehnjähriger kein weiteres Nachdenken zuließ! Zum Ersten war man in seiner Entwicklung überhaupt noch nicht dazu in der Lage. Man wurde von der Ideologie und seiner Propaganda in ihrer allgemein gewünschten Richtung gedrängt, beeinflusst und derart suggeriert, dass jegliches "Ausbrechen" Folgen haben musste! Darum ist ja auch mit heutigen Maßstäben jene damalige "Massensuggestion" weder zu verstehen, noch zu bewerten. Wir jungen Leute kamen alle in diesen Sog, ob wir wollten oder nicht!! Ich möchte energisch dementieren, dass mich etwa ein euphorischer Drang zur Selbstverwirklichung in diesen Jahren getrieben hat, hier bedingungslos mitzumachen!! Also, kein überzeugtes "Tun", sondern mehr noch der Masse auferlegtes "Müssen"!!!


So häufte sich in zunehmend intensiver Weise das "Erleben müssen" auf einen gerade der Schule entwachsenen "werdenden Menschen"!! Und schon in diesem Stadium wechselte ein Pflichterlebnis das andere in Nachhaltigkeit ab! Es zu verstehen, war man ja nicht fähig, es war weder erwünscht, noch dafür Zeit! Antreten, Pflichten übernehmen und "parieren"! So erlebte man als 15-jähriger den Pflichtdienst in der Kohlenzeche! Es war eine mehr romantische Sache, aber keineswegs bereitwillig!


In ebensolcher Weise folgte die sogenannte "Vormilitärische Ausbildung" in der Senne bei Augustdorf! Und ohne Verschnaufpause ging es dann zum "RAD"! Und das nicht mit dem Spaten in der Hand, sondern schon voll bewaffnet zum Munitionstransport direkt an die Front!! Der russischen Offensivwalze nur mit allerletztem Glück entkommen!! Dabei in meterhohem Schnee und achtzehn Grad Kälte die Füße erfroren als Sechzehnjähriger!!!
Nach vier Tagen Heimat dann Kriegsdienst! Und wie mein dramatischer Bericht ausweist, mit siebzehn Jahren eine unvorstellbar grausame Gefangenschaft!!! Ich berichte dieses nur, da sich wohlgemerkt bei so einem noch gar nicht richtig in der Welt stehendem jungen Menschen ohne Unterbrechung nur kompaktes "Schlucken müssen" abspielte!!!


Tag um Tag, Stunde um Stunde reihten sich die furchtbaren Geschehnisse ohne Unterbrechung aneinander! Nur Erleben, nur Erleben ohne jegliche Chance nachzudenken, zu dürfen oder auch nur zu können!! Und das ohne Ventil in derart kompakter, lebensbedrohenden Kompression bis zum Ende der Gefangenschaft!!!!


Jetzt wurde man entlassen, man durfte wieder Zuhause sein!


Und in dieses Zuhause kam ich dann in einem derartigen "Schockzustand"!! Ich freute mich zwar genau so wie meine Familie und doch war das, wie ich bestürzt bei mir feststellte, keine echte Freude!! Ich schlich wie betroffen herum, jeder wollte etwas wissen!!
Doch ich war wie verstockt!! Niemals habe ich ein Wort verloren über mein mich immer und stetig verfolgendes Erleben!!! Weder meinen Eltern noch meinen Geschwistern oder jeglicher Gesellschaft, ich war innerlich gezwungen, alles in mir insgeheim weiter "brodeln" zu lassen!! Ich fand weder Ruhe noch Frieden!!!! Die neue Wirklichkeit passte nicht zu der alten - ich wurde verfolgt!!

 

Ich saß in Gedanken immer noch inmitten des Geschehens! Ich wollte mich bezwingen und stimmte selber in Gesellschaft frohe Lieder an, doch es dauerte nur eine Weile, dann schlich ich mich hinten zur Tür hinaus in die Natur! Dort saß ich dann irgendwo, schaute dabei den Mond an und heulte, heulte!!! Ich begriff mich selber nicht, warum ich so eine "Heulsuse" war??! Wenn die Musik spielte und es erklangen all die alten Lieder, die wir oft so sehnsüchtig gesungen hatten, war es oft um mich geschehen und ich schlich mich einsam und leise nach Hause!!

 

Auch meinen Eltern muss das aufgefallen sein, ohne aber jemals zu fragen! Nur, wenn ich die ersten zehn-fünfzehn Jahre nach dem Kriege vorwiegend Sommertags mit den Füßen im Backkasten hing, kam oft meine Mutter und schimpfte: "Los Junge, mach Platz, immer hängst Du mit den Füßen hier herum"!!! Ja, sie wusste ja nicht warum, denn über meine erfrorenen Füße hatte ich ja niemals erzählt! Genau so war mein Vater erstaunt, da ich nach dem Kriege jedes Jahr mindestens zweimal wegen Magen- und vorwiegend Darmgeschwüren im Krankenhaus lag!!! "Wie kann es ein Bauernsohn denn mit dem Magen haben", rief er mir immer zu??! Auch er wusste ja nichts! Zum Einen konnte ich mit dem besten Willen nichts über meine Lippen bringen, zum Anderen wollte ich meine Eltern nicht gedanklich belasten! War mir auch die Gesellschaft um mich herum egal, so stand aber eines mit aller Macht vor mir!!!


Das war der Ruf meiner Kameraden!!! So deutlich und so fordernd als Vermächtnis und als hätte ich sie soeben erst verlassen!!


So bin ich sofort nach dem Kriege jedes Jahr zwei-dreimal mit der Bahn zum Ort des Geschehens gefahren! Die weiten Areale der Rheinwiesen waren zu der Zeit noch unversehrt und so, als hätten die Gefangenen sie soeben erst verlassen! In Unkel oder Linz habe ich mir zumeist ein Fahrrad geliehen, um so jeden Winkel noch einmal genau zu betrachten und zwar so, als hätte ich diese Stätte soeben erst verlassen!

 

Gedankenverloren mich irgendwo niederkauernd, machte ich mir umfangreiche Notizen und Photos und zwar so, als unterhielte ich mich noch mit meinen Kameraden! Überall war zwar himmlische Ruhe, doch der Geist des Geschehens lag noch frisch und sehr dämonenhaft fühlbar über dem Gelände! Wohin ich auch schaute, jeder Winkel verband mich ja mit einer traurigen Episode! Dort sehe ich noch meine Kameraden neben mir liegen!

 

Man unterhielt sich nicht nur, nein, man sprach sich gegenseitig Mut und Trost zu! Und hatte man sich des Abends in der Zehnergruppe eng aneinander geschmiegt um sich warm zu halten, so lag man oft des Morgens neben einer kalt erstarrten Leiche!! Darüber ging man dann einfach zur Tagesordnung über, denn jegliche Gefühle zu entwickeln, war einfach nicht gegeben! Und war es auch ein noch so guter Kamerad, oft habe ich mit angefasst, ihn ehrlos und würdelos auf den Kipper zu werfen, der jeden Tag die Toten einsammelte und dann voll beladen das Camp verließ!!

 

Oder man sieht im Geiste noch, wie plötzlich einer aus unserer Reihe total geistig verwirrt aufspringt und wild gestikulierend mit lautem Geschreie zum Stacheldraht läuft! Auf solcher Weise ist niemals jemand lebend davongekommen! Meist wurde er, bevor er den Zaun erreichte und sich dort die Pulsadern aufriss, schon mit einer Salve niedergeschossen!!

 

Es ist einfach nicht zu beschreiben, welche Gedanken einem bestürmen, wenn man so dasitzt und schreibt und schreibt!! Mir war dann oft so, als wäre ich der einzige Gefangene hier im weit überschaubaren Areal, der noch von der ganzen Szene übrig geblieben war!!


So wie früher jede Nacht, konnte ich auch nun wieder zur Ortschaft Linz über den Rhein hinüber schauen! Dort steht hoch über dem Bergrücken eine Kapelle und daneben weit sichtbar ein Kreuz!!! Damals war es noch frei sichtbar und nicht wie heute mit Bäumen und Sträuchern verdeckt! Jede Nacht brannte dort weithin sichtbar ein Lichtlein und jede Nacht ging von uns dorthin ein leises Flehen!! Dieses Lichtlein und das Kreuz waren meinen Kameraden und mir mehr als ein Symbol der Hoffnung als leuchtende Klammer zum Herrgott!!!

 

Und dann überkommt es einem beim Schreiben, wenn man daran denkt, dass dieses Licht die letzte leuchtende Hoffnung im Auge des Kameraden war, bis sein Auge brach! Ja, ich habe so manchen lieben Kameraden trostvoll und fürsorglich mit solcher Hoffnung bis zum Ende begleitet, darum erfasst mich das Gedenken daran mit besonders erschütternder Tiefe!!!!


Und wenn man aufschaut die Ahr entlang! In diesen etwas höher gelegenen Zonen hat man täglich dann die LKW-Leichentransporte mit seinen Kameraden gesehen! Irgendwo hin zur oft würdelosen, durch nichts zu entschuldigenden "Entsorgung"!!!


Ja, und mit einem wieder vor Augen stehendem Grausen denkt man daran, wie man als "Seuchenopfer", die wir ja waren, ziemlich isoliert wurde! Wir waren das sogenannte "Seuchen-Camp" und ganz abgesehen von einer "Hunger-Verpflegung" uns ohne jegliche Hilfe von außen völlig selbst überlassen!!

 

Wir hatten ja Rote und Weiße Ruhr, Parathyphus, Hungerthyphus und teilweise Cholera!!! Da konnte nur ein wenig lindern, dass wir mit Holzkohle überhäuft wurden! Ansonsten war es nur ein Dahinvegetieren, bis man elendig "krepiert" war!! Das war vorbedachter Mord auf Raten, ja auf Zeitlupe! Dieses hatte eine katastrophale Konsequenz, die niemals beschrieben, aber damals wie im späteren Nachhinein mit allen Mitteln vertuscht und als nicht geschehen zu haben der Nachwelt vorenthalten wurde!!! Nämlich, dass infolgedessen rings um mich herum die Befallenen krepierten wie die Fliegen und das in einem Ausmaß, dass man mit der "Entsorgung " gar nicht so schnell nachkommen konnte!! Und dieses alles ohne Aufhebens auf die Schnelle mit tonnenweise Chlorkalk und ohne Namen irgendwo und irgendwie!!! Ohne jeden Nachweis sind darum ihre hohen Zahlen hauptsächlich von den damit Beauftragten, wie es u.a. mein Retter war, nur zu schätzen!


Alles das hat man bei solchen Besuchen wieder frisch vor Augen und man hält sich um so mehr ihrer Erinnerung verpflichtet!!!


Aber kein Besuch dieser ehemaligen "Hölle" ging ohne mehrmals am Ehrenfriedhof in Bad Bodendorf gewesen zu sein! Und wer mein dortiges "Erleben" kennt, kann mir sicher nachfühlen, dass schon beim Durchschreiten des Tores meine Beine begannen, mir den Dienst zu versagen! Oft saß ich sogar stundenlang dort, unfähig, auch nur einen Gedanken zu entwickeln!! Hier hatte doch der Herrgott durch seinen Schutzengel mir das zweite Leben geschenkt!!!!


Und jedes Mal nahm ich stumm von den Kameraden Abschied, die statt meiner dort haben bleiben müssen!!


Oft trat ich dann von dort meine Heimreise an, in einer Verfassung die keine war und überhaupt nicht zu beschreiben war!!
Das passende Wort dazu habe ich erst heutzutage erfahren angesichts der Unfälle und der daraufhin folgenden "Betreuungen"!!! "Traumata" sei das, was ich nie gewusst habe!!!


Mir sprang niemand helfend zur Seite, ganz im Gegenteil, es wollte doch niemand von all dem etwas wissen! Wir waren doch die sogenannten Verbrecher, die an all dem selber Schuld waren, ohne dass wir jemals so etwas gewesen waren!!

 

Aber der "Sieger" schrieb die Geschichte, alles andere hatte ja nicht stattgefunden!! Alles, aber auch alles hatte der Ami und vorwiegend der Franzose mit äußerster Akribie vernichtet, was jemals auf die Existenz dieser Lager hindeuten konnte!!!

 

Keiner Kommune dieser Region blieb auch nur ein einziges Dokument!! Somit verblieben nur Zeugenaussagen der Gefangenen!!! Dazu wurde ich vom höchst ehrenwerten Herrn Bürgermeister Kürten u.a. ausdrücklich ermuntert!! Man bedenke, dass ich einer der jüngsten Insassen dieser Lager war und es mich angesichts dieser mörderischen Seuchen-Befälle unsagbar dramatisch mitgenommen hatte!!


Ich begreife darum auch heute noch nicht dieses Wunder meines Überlebens und vermute, die Kraft lag in meinem unbändigen Glauben!! In Hunderttausendfacher Weise gebar der letzte innig flehende Blick nach oben ein in tiefem Glauben sanftes Hinübergleiten in Gottes Schoß.
So erlebte ich die letzten stummen Gedanken meiner Kameraden.

 

So stand ich mein ganzes Leben lang mit dieser "Traumata" und deren Bewältigung ganz alleine!! Kein Wort kam über meine Lippen, nur bares Unverständnis drang einem entgegen!! Das war im engen familiären wie im weiten gesellschaftlichen Umfeld oftmals ein schwer zu kompensierendes Empfinden!!!


Einem Leser hierüber auch nur ein wenig Verständnis zu entlocken, möchte ich niemandem zumuten und enthalte mich lieber dessen!!
Es liegt eben im Umbruch der Mentalitätsbegriffe im Wandel der Zeit, aber auch leider vielfach in der Entartung des Menschen selbst!!!!
Wo kein Verständnis, ist jegliche geschichtliche Diskussion out!!!


Die Überlieferung der Geschichte darf nicht in Selbstgefälligkeit vorgefertigte oder nachgestellte Zwangsdarstellung sein!! Sie muss immer vom Suchen nach dem Mittelpunkt der Wahrheit getrieben sein!! Und dieser liegt eindeutig und elementar dort, wo das Selbsterleben eine authentische Überlieferung garantiert!!!


Doch parallel zum Überwindungsversuch des Erlebens sollten die körperlich/gesundheitlichen Auswirkungen sich nach dem Kriege sehr gravierend bemerkbar machen!!


Einunddreißig schwere Operationen, darunter fünfmal Glaucom-0P mit zeitweilig völligem Sehverlust, acht mal Rückenmark-OP des zentralen Nervensystems!! Außerdem Herzinfarkt und vier Schlaganfälle mit zeitweilig halbseitig vollkommener Lähmung!!! In den Rollstuhl und doch wieder aus dem Rollstuhl!!! Dazu meine gravierenden Nervenschäden durch meine Erfrierungen!!


Eine "Chronologie der Abfolge" füge ich dieser Dokumentation bei als jederzeitige Belegbarkeit!!! Und ich habe alles überwunden!!!!!
Darum habe ich mehr als Anlass genug, mich beim lieben Gott und seinen außergewöhnlich guten irdischen wie außerirdischen "Schutzengeln" zu bedanken!!


Ihre gute Arbeit bewirkte meine z. Zt. körperlich entsprechende, jedoch geistig beste, überaus erfreulich gute Verfassung!!!!!!

 

Darum bin ich heute froh, nach Überschreitung meiner achtzig Lebensjahre die Kraft zur gewissenhaften Aufarbeitung zu haben. Es ist eine umfassende "Überarbeitung" meiner schon seit Jahren bestehenden Berichte, die schon lange Jahre in den Archiven von Remagen, Sinzig und Andernach ausliegen!


Die Initiative dazu wurde ausschließlich und mit Nachdruck dadurch beflügelt, indem ich, wenn auch reichlich spät, erst im Jahre 1993 meinen damaligen "Retter" kennen lernen durfte. Das bis dahin wohlwissende, aber immer unterdrückte Geschehen nahm nun plötzlich Gestalt an.
Ausdrücklich durch ihn ermächtigt und beflügelt, habe ich so alle Erinnerungen, Photos, Dokumente, Aussagen etc. zu einer echten "Dokumentation der Wahrheit" zusammengefasst!


Am Ende meiner Lebensläufe hoffe ich somit, den innerlich verpflichtenden Auftrag Gottes als Lohn für meine Errettung im Wesentlichen erfüllt zu haben!! So sonne ich mich gerne in dem Bewusstsein, das höchste erstrebenswerte wie erreichbare Prädikat eines Menschenlebens erreicht zu haben, nämlich die Zufriedenheit meiner Seele! So bin ich auch endgültig von meiner "Traumata" befreit!!!

 

Geschrieben habe ich es aber nicht um meiner Willen, sondern als moralisch verpflichteter Anwalt für meine dafür ewig zum Schweigen verurteilten Kameraden!!


Diesen Kameraden "Danke" - und ganz besonders meinem "Retter" und dem Herrgott - in aller Ewigkeit -AMEN


Bernhard Friedrich Frahling

im Dezember 2007

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Text: Bernhard Friedrich Frahling


 

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