"Westfalen Blut"- Vorwort

 

Vorwort

Mit stolzen 88 Jahren legt Bernhard Friedrich Frahling in diesem Band der „Westfälischen Reihe" sein erstes Buch vor. Das ist an sich schon ungewöhnlich. Mehr noch aber, wenn man auf seinen Lebensweg zurückschaut.

Als 16-Jähriger wurde er 1944 zum Kriegsdienst eingezogen, erlitt schwere Verletzungen und geriet im Frühjahr 1945 bei der Verteidigung der Brücke von Remagen in amerikanische Gefangenschaft. Was er nicht wusste: Seine Einheit war zum Schluss noch der SS-Division „Das Reich" zugeschlagen worden. Deshalb kam er mit seinen Kameraden ins Straflager auf den Rheinwiesen. Dort waren sie bis in den Sommer hinein schutzlos Hunger und Seuchen ausgeliefert, ja dem Tod. Dass Bernhard Frahling als einer von wenigen diese „Hölle" überlebte, war ein Wunder. Er hat darüber in der (im Internet zugänglichen) "Broschüre „Leben - Erleben - Überleben" berichtet. Das vermochte er aber erst in weitem zeitlichem Abstand von den ihm tief eingebrannten, zutiefst verstörenden Widerfahrnissen.

Nach der Entlassung wartete auf den notdürftig Genesenen das Berufsleben. Als nachgeborener Sohn konnte Bernhard Frahling nicht den elterlichen Hof übernehmen. Stattdessen wurde er Disponent im Landesproduktengroßhandel und machte sich - ohne Erbschaft und ohne finanzielle oder tätige Hilfe vom Elternhaus - mit dem ihm eigenen Elan 1954 selbstständig. Die Firma umfasste eine Samen- und Saatenhandlung, Garten- und Landesprodukte sowie eine Spedition.

 

Ein besonderes Interesse entwickelte Frahling an der Gartenflora, vor allem an seltenen Zwiebelgewächsen und anderen Raritäten auf der Welt. Sichtbare Gestalt gewann seine Passion („Hobby" wäre hierfür eine unzureichende Bezeichnung) 1954 im vermutlich ersten privaten botanischen Alpengarten Westfalens.

Familienforschung war ein weiteres Steckenpferd. Im Mittelpunkt standen hierbei die Sippen der Frahlings (väterlicherseits) und Jessings (mütterlicherseits). Allen auffindbaren Spuren in kirchlichen, kommunalen und staatlichen Archiven ging er nach. Das Ergebnis war überraschend: Die Ahnentafel des westfälischen Bauerngeschlechts der Frahling (auch: Fralinck, Fraling, Vrauling, Vraweling) kann bis zum Jahr 1412 zurückverfolgt werden. Für die Familie Jessing (auch Jehsing, Gesinck, Yeseking), deren Stammhof in der Bauerschaft Veltrup (Burgsteinfurt) liegt, gelingt der Nachweis bis 1250.

Trotz des anstrengenden Berufsalltags, neben seiner floristischen Passion und neben der Familienforschung nahm sich Bernhard Frahling immer wieder Zeit zum Schreiben. Anlässe und Themen fand er in der Natur und ihren Jahreszeiten, im zwischenmenschlichen wie im öffentlichen Leben Westfalens. Er ist im ursprünglichen Sinne „Amateur", d.h. Liebhaber dessen, was ihm „Heimat" war und gab. Insofern sind seine Texte auch Zeitdokumente.

 

„Westfalen-Blut" als Haupttitel seines Buches mag manchen Leser befremdlich klingen, hat aber mit der NS-Ideologie von Blut und Boden nichts gemein. Jemand, der wie Bernhard Frahling massivste Gefährdungen seiner Existenz zu verarbeiten hatte und weiterhin hat, braucht einen überschaubaren und unverwechselbaren Ort, der ihm Vertrautheit, menschliche Nähe und Geborgenheit bietet, braucht diese „Heimat". Davon zeugen seine Gedichte und Sinnsprüche. In einem Aphorismus formuliert Frahling es einmal so: „Ein Gedicht ist Erkenntnis und Empfinden, umgesetzt in Sprache und Wortmelodie, kurzum die eigene Identität."

Frahlings Texte leben in der Tradition lehrhafter Dichtung, wollen zum Nachdenken anregen und Mut machen. Fast durchgängig schwingt ein religiöser Grundton mit: die Freude an allem Schönen und der Dank an den Schöpfer. Bevorzugt wird eine Gedichtform mit variabler Strophen- und Zeilenzahl. Der Reim, meist (aber nicht ausschließlich) in Kreuzform, hält das Gesagte zusammen. All diese Texte sind selbstverständlich „Eigengewächse". Bernhard Frahling orientierte sich nicht an ausgewählten Vorbildern. Die Lust und Kraft zum Formulieren waren ihm mitgegeben. Das Besondere hierbei: Die Muttersprache steht ihm gleich in doppelter Gestalt zur Verfügung: in der des Hochdeutschen wie des regionalen Platt.

 

Seine schriftstellerische Begabung scheint ihm wohl nicht von ungefähr zugewachsen. Im Rahmen der Familienforschung stieß Frahling auf einen Großonkel, den in Münster geborenen Theologen und Schriftsteller Prälat Joseph Jessing (+ 1899). Der hatte 1873 im Staate Ohio, USA, die deutschsprachige Wochenschrift „Ohio-Waisenfreund" gegründet und mehr als zwei Jahrzehnte als alleiniger Redakteur betreut.
Mit Kraft und Leidenschaft hat Bernhard Frahling seine Umwelt auf vielfältige Weise mitgestaltet und in Sprache gebracht. Das verdient Aufmerksamkeit und Respekt.

 

Allen Lesern dieses Buches wünsche ich eine gewinnbringende Teilhabe und gute Unterhaltung.
 

Ibbenbüren, den 27.2.2016

Heinrich Jessing

 


Text: Heinrich Jessing


 

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